Monsieur Becker

Lehren & Panorama

Schüler brauchen Erziehung!

Freitag, 27. November 2009 ·

Gabriele Kreter hat mit Jetzt reicht’s: Schüler brauchen Erziehung! ein kleines Büchlein vorgelegt, in dem sie zeigen möchte, was Lehrerinnen und Lehrer in der Schule tun können, um ich­bezogene, affektgesteuerte, leicht ablenkbare und illusionslose Schülerinnen und Schüler, die kein Benehmen mehr haben, auf den rechten Weg zu bringen.

Im 1. Teil ihres Buches schildert sie die veränderten Bedingungen von Kindsein in den vergangenen 60 Jahren. Ihr gelingt es dabei, deutlich zu zeigen, dass die Kindheit der heutigen Schülerinnen und Schüler eine ganz andere ist, als die der heutigen Lehrerin­nen und Lehrer, nicht zuletzt wegen der 68er-Bewegung. Auch das Elternsein hat sich sehr stark verändert und führt zu Unsicherheiten in der Erziehung. Als Lehrerin oder Lehrer nützt es nichts, den »besseren« Zeiten nachzutrauern, sondern man muss mit diesen neuen Bedingungen umgehen.

Thema des 2. Teils sind die »Defizite« der heutigen Kinder. Kreter fordert eine Wiederbelebung aus ihrer Sicht sinnvoller Umgangsformen:

  1. Älteren den Vortritt lassen
  2. Schweigen, wenn andere reden
  3. Verantwortung übernehmen für Ordnung und Sauberkeit
  4. Schwachen beistehen
  5. Regeln akzeptieren
  6. Konsequenzen bei Fehlverhalten

Insbesondere mit dem ersten Punkt habe ich ein Problem, ich ersetzte ihn lieber durch respekt­vollen Umgang miteinander. Kreter fordert, »dass Jüngere Älteren die Tür aufhalten oder auf engem Raum zur Seite treten, um Älteren den Vortritt zu lassen.« (S. 44) Diesen Passus findet sogar meine Großmutter zu eng gefasst, denn wieso soll man nicht auch einer jungen Mutter mit Kinderwagen, einem Jugendlichen mit Gipsbein oder einem die Atlanten tragenden Mitschüler die Tür aufhalten?

Das Eintreten für diese Umgangsformen bzw. das Einfordern werde regelmäßig mithilfe von Killer­phrasen durch die Lehrerinnen und Lehrer selbst konterkariert. Sicherlich ist ein Lehrer weder Therapeut noch Polizist, so die erste Killerphrase, doch durch Kooperation in einem Experten­netzwerk mit außerschulischen Partnern (vom Jugendamt, der Polizei, der Gesundheitsverwaltung, …) können viele Probleme besser gelöst und Frustration abgebaut werden.

Die zweite Killerphrase ist der beliebte Spruch, dass in der Schule nicht aufgeholt werden könne, was zuhause bisher verpasst wurde. In diesem Punkt schlägt Kreter Beratungsgespräche vor, die vom Konzept her fruchtbar sein können, denn man bemüht sich gemeinsam um eine Lösung; der Lehrer verteilt nicht einfach eine Rezeptlösung, auch wenn sich Eltern diese häufig von den pädagogischen Fachkräften erhoffen. Sehr große Bauchschmerzen habe ich bei der Beispiel­beratung, in der die Lehrerin eine Schülerin im Gespräch mit deren Mutter als »minderjährige Göre« (S. 77) bezeichnet. Für mich als Elternteil wäre an dieser Stelle das Gespräch beendet.

Die dritte Killerphrase ist die Haltung der Lehrer, dass sie erst ausreichend ausgestattet werden sollten, bevor Ansprüche an sie gerichtet werden können. Kreter versucht, diese Killerphrase zu entkräften, was ihr jedoch nicht gelingt. Sie wirft auf diesen zwei Seiten Lehrern die Faulheit vor, sich nicht fortzubilden. Dies finde ich ziemlich bitter. Sie vermutet hinter der Phrase den Wunsch nach höherem Lohn, hübschen Schulgebäuden und kleineren Klassen. Ich sehe in der Phrase hingegen eher den berechtigten Wunsch nach modernen Arbeitsmitteln (z. B. Beamer und aktuelle Bücher) und einem größeren Kopierkontingent. Und ja, das würde den Unterricht vieler Lehrer definitiv verbessern.

Killerphrase Nummer 4, »Mit uns kann man es ja machen! Wir sind ja die Prügelknaben der Nation!«, wird ebenfalls nicht entkräftet. Dafür ist Kreters Forderung sehr begrüßenswert, sich als Schule der notwendigen Erziehungsarbeit bewusst zu werden und sich daher als erziehende Schule zu begreifen. Damit einher geht ein für die Schule individuell zu entwickelnder Sittenkodex, der Lehrer, Schüler und Eltern in der Schule verpflichtet. Dabei geht es nicht um ellenlange Verbotslisten, sondern vornehmlich um die Beschreibung erwünschten Verhaltens, damit Schüler es besser wissen können, wie sie sich sozial akzeptabel verhalten. Unerwünschtes Verhalten müsse trotzdem klar definiert und mit Konsequenzen bestraft werden.

Abschließend plädiert Kreter für Regeln und Rituale, damit Kinder ein gewünschtes Verhalten erlernen. Sie bezieht sich dabei insbesondere auf ihre eigenen Erfahrungen im Mädchen­gymnasium der Armen Schulschwestern Unserer Lieben Frau. Auch wenn ich mir ein weniger religiöses Beispiel gewünscht hätte, so zeigt es, dass es auch in einer strengen Umgebung locker und fröhlich zugehen kann, wenn Regeln und Rituale den Rahmen des akzeptierten Verhaltens vorgeben.

Summa sumarum ein guter Denkanstoß. Regeln und Rituale, die gemeinsam von Lehrern, Eltern und Schülern erarbeitet wurden, zu denen sich alle bekennen und auf deren Einhaltung geachtet wird, sind dazu geeignet, orientierungslosen Schülerinnen und Schülern Halt zu geben. Durch gemeinsame Erziehungsarbeit an Stelle von Einzelkämpfertum.

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