Monsieur Becker

Panorama

Rolle von Bildung im modernen Sozialstaat

Donnerstag, 5. November 2009 ·

Die aktuelle Ausgabe von »Aus Politik und Zeitgeschehen« widmet sich der Bildungspolitik.

Jutta Allmendinger, Päsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, beschäftigt sich in ihrem Essay Der Sozialstaat des 21. Jahrhunderts braucht zwei Beine mit der Rolle von Bildung im modernen Sozialstaat.

Sozialstaatstypen

Zuerst skizziert sie drei verschiedene Typen von Sozialstaaten: Der erste sei der »sorgende« Sozialstaat sozialdemokratischer Prägung. Mit dem Abschwung der Wirtschaftsentwicklung in den 1970er Jahren und den daraus entstehenden Problemen sei ein neoliberal geprägter Minimialstaat entstanden, der zweite Typ, der vor allem in angelsächsischen Ländern verbreitet sei. Der dritte Typ sei der Sozialinvestitionsstaat: Er aktiviere seine Bürger, damit sie am Marktgeschehen teilhaben können.

Rolle von Bildung im sozialen Investitionsstaat

Bildung habe im sozialen Investitionsstaat einen herausragenden Stellenwert, denn nur Bildung ermögliche eine wissensbasierte Wirtschaftsgesellschaft. Ziel sei eine hohe Bildung für möglichst viele, da Aktivierungsprogramme, das Prinzip des Förderns und Forderns sowie die Stärkung der Eigenverantwortung bei niedrig Gebildeten keine Wirkung entfalten könne und entfalte. Diese Menschen könnten daher auch nicht an der Wissenwirtschaft partizipieren.

Allgemein habe der Bildungsgrad zugenommen, so Allmendinger, doch rund jede(r) fünfte Jugendliche weise nur sehr niedrige Kompetenzen auf. In Italien und in den USA verfüge sogar ein Viertel eines Jahrgangs über zu niedrige Kompetenzen.

Wohlfahrtsstaatstypologie

Entsprechend der Rolle, die soziale Absicherung und Bildung in einem Staat spielen, ließen sich vier Gruppen unterscheiden:

Gruppe Charakteristika Beispiele
1 Sozialer Investitionsstaat und starker Sozialstaat in einem, mit Investitionen sowohl in soziale Sicherung als auch in Bildung und Wissenschaft. skandinavische Staaten
2 Stärkere Bildungsinvestitionen, aber nur beschränkte soziale Absicherung. Die Bildungspolitik ersetze den Schutz des Sozialstaates, was nur jenen nütze, die in den Genuss von Bildung kommen. Island, die Schweiz, Neuseeland, Kanada, die USA
3 Hohe Sozialstaatsausgaben und Vernachlässigung der Bildung und Forschung. Ein Teil dieser Staaten verfüge über eine aktivierende Arbeitsmarktpolitk (Agenda 2010), ohne die Bildungsvoraussetzungen zu schaffen. Deutschland, Italien, Ungarn, Spanien
4 Weder soziale Sicherung noch Investitionen in die Bildung. Türkei, Irland, Mexiko

der moderne Sozialstaat im 21. Jahrhundert

Die Berücksichtigung von Bildung und sozialer Absicherung in der zukünftigen Entwicklung des Sozialstaates sei notwendig, da reine Sozialstaaten (Gruppe 3) bzw. reine Bildungsstaaten (Gruppe 2) den klassischen Sozialstaat nicht ablösen könnten. Zum einen würden auch Gebildete krank, arbeitslos und alt, zum anderen lasse sich ein gewisser Anteil trotz aller Bemühungen nicht bilden und aktivieren.

Allmendinger führt weiter aus:

Moderne und erfolgreiche Wohlfahrtsstaaten lösen den Sozialstaat klassischer Prägung nicht ab, sie folgen nicht dem neoliberalen Ruf, staatliche Leistungen abzubauen, und sie beugen sich nicht einem dritten Weg, der nur auf soziale Investitionen in das Human­kapital der Bevölkerung zielt. Die leistungsfähigsten Länder setzen gleichermaßen auf den Bildungs- und den Sozialstaat, betonen die zukunftsorientierte Bildungs- und Wissenschaftsinvestition, setzen auf hohe Effektivität und Ergebnisgleichheit ihrer Bildungspolitik und betreiben eine engagierte Sozialpolitik. Sie stehen also mit beiden Beinen auf der Erde.

Nur so lasse sich ein hohes Bildungsniveau einerseits und eine hohe Absicherung von Arbeitslosigkeit, Krankheit und Alter andererseits verbinden. Maßnahmen zur Aktivierung auf dem Arbeitsmarkt funktionierten, wenn das Niveau von Bildung und Weiterbildung angemessen hoch sei. In den skandinavischen Ländern werde »breit gefördert und gesichert — entsprechend kann dann auch gefordert werden.«

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