Panorama
E-Books und wissenschaftliches Arbeiten
Montag, 3. Mai 2010 – 18:29 Uhr
Im Rahmen der von Herrn Larbig angestoßenen Diskussion, zu der ich in meinem vorletzten Beitrag meine Gedanken gemacht habe, entwickelt Sebastian Felling vom Bildungsblog ein Szenario, »Wie E-Books und E-Magazine schulisches und wissenschaftliches Arbeiten verändern können«.
Felling geht davon aus, dass mit der Einführung von elektronischen Büchern und Zeitschriften das Interesse an wissenschaftlicher Arbeit, aber auch deren Anzahl zunehme, denn insbesondere semiprofessionelle und Nachwuchs-Wissenschaftler hätten nun leichter die Möglichkeit, zu publizieren. Wissenschaftliche Arbeiten würden »noch mehr als im bisherigen Sinne ein unvollendetes, sich im Wandel befindliches Werk sein«.
Durch die sich wandelnde Publikationsweise verändere sich auch das Konzept von Autorität, das nun durch Popularität und Authentizität definiert werde. Die neuen Autoritäten genössen nicht nur monetäre Vergütung, sondern auch Aufmerksamkeit und Reputation.
Der letzte von Felling angesprochene Aspekt ist die Bibliothek: Die klassische Bibliothek gehöre »mit dem papiergebunden Buch zur aussterbenden Art«. Zukünftig würde sie zu einer virtuellen Bibliothek, die durch den Einkauf verschiedener Lizenzen die Medien verschiedenen Nutzergruppen zur Verfügung stellen könne.
Ich persönlich bin weniger avantgardistisch in meinen Vorstellungen, wie sich die wissenschaftliche Publikation in Zukunft verändern wird. Ich bin davon überzeugt, dass Bücher und Zeitschriften auch in Papierform erhalten bleiben werden. Wieso?
Zum Ersten glaube ich nicht daran (man belehre mich gern eines Besseren), dass wissenschaftliche Angebote wie Pilze aus dem Boden schießen werden, auch nicht angesichts des Wandels des Internets vom reinen Konsum- zum Mitmachweb. Es gibt deutlich eine Zunahme populärwissenschaftlicher Angebote, dazu gehören auch viele Wissenschaftsblogs. Ihr Stil unterscheidet sich klar vom Stil wissenschaftlicher Arbeiten. Nichtdestoweniger werden sie auf wachsendes Interesse stoßen, wenn auch eher bei populärwissenschaftlich Interessierten als bei Wissenschaftlern. Man verstehe mich an dieser Stelle nicht falsch: Populärwissenschaft ist ein wichtiger Beitrag, Wissenschaft in den Alltag vieler Menschen zu bringen.
Autorität werden auch in der Internetwelt zukünftig vornehmlich jene Autoren genießen, deren Artikel in Zeitschriften und deren Monografien in Serien publizierte werden. Die Zahl derer, die als Alleinkämpfer eine Bekanntheit erlangen, die mit der von A-Bloggern in der Bloggosphäre vergleichbar ist, wird nicht nennenswert groß sein. Ich denke dies, weil die Vielfalt der Angebote die Möglichkeiten der menschlichen Wahrnehmung überfordert. Ich als sprachwissenschaftlich Interessierter werde mich vornehmlich an den entsprechenden Zeitschriften orientieren, denn hier kann man sich einer gewissen Mindestqualität der Angebote sicher sein. Ein Nachteil des Internets liegt sicherlich in der Fülle schlechter bis mittelmäßiger Angebote, die Perlen zu finden ist nicht immer leicht. Insofern treffen Zeitschriften häufig eine sinnvolle Vorauswahl, die publizierenden Autoren genießen ebenfalls Popularität und Authentizität.
Das Medium Internet bietet die Möglichkeit des ständigen Wandels, darin gebe ich Felling uneingeschränkt Recht. Doch ungeachtet der Vorteile baut Wissenschaft auf Artikeln und Monografien auf, die statisch sind, denn diese können zitiert und nachgeprüft werden. Insofern müsste es, wie auch bereits bei Büchern üblich, eindeutig referenzierbare Auflagen geben, die einen gewissen Status quo widerspiegeln, eben damit Wissenschaft nachvollziehbar ist und bleibt.
Zu dem letzten Aspekt, der Bibliothek: Sicher werden elektronische Medien in der Bibliothek eine viel wichtigere Rolle spielen, als sie es heute tun. Doch die Bibliothekare werden auch weiterhin Printausgaben sammeln (bspw. gedruckte Jahresbände von elektronsichen Zeitschriften), denn eine wichtige Tätigkeit einer Bibliothek ist es, Wissen zu konservieren. Papier wird, wenn es nicht zu säurehaltig ist, auch in 200 Jahren noch lesbar sein. Ob wir Open-Document-, Word-, und PDF-Formate dann noch lesen können? Sicher ist das nicht. Es könnte argumentiert werden, dass der jeweilige Kenntnisstand einer Gesellschaft ja immer in die gängige Computertechnik überführt wird. Doch Wissenschaft lebt auch davon, dass Prozesse des Erkenntnisgewinns, samt aller Um- und Irrwege, nachvollzogen werden können. Mitunter gehen auch weniger populäre Themen unter, entpuppen sich Jahrzehnte später, wiederentdeckt, als neuer, wertvoller Ansatz.
Meines Erachtens ist die Buch-oder-E-Book-Frage kein Entweder-oder, sondern eine Frage, wie beides am besten verbunden werden kann. Elektronische Angebote haben unbestreitbare Vorteile gegenüber traditionellen Büchern, das Verhältnis beider Medien wird sich sicherlich auch zu ihren Gunsten verschieben. Doch was insbesondere das Archivieren betrifft, wird das »gute alte Papier« auch zukünftig wenig verzichtbar sein.
vorheriger Beitrag: CD-ROM zum OALD 8 [Update]
nachfolgender Beitrag: Perspektive für den Zugang zu Fachliteratur