Monsieur Becker

Panorama

Bildungsdynamik: Phänomene und Ursachen

Montag, 13. Dezember 2010 ·

Dies ist ein Beitrag des Blogthemas »Bildungsdynamik der modernen Welt«.

Die Bildungsdynamik der modernen Welt weist zwei Phänomene auf: das der Expansion und das der Konvergenz. Hierfür gibt es verschiedene Erklärungsansätze, die jedoch kaum zur Erklärung beitragen. Ursächlich für die Bildungsdynamik sind die so genannten »World Forces«.

Expansion (auch Explosion oder Revolution)

Das erste Phänomen der Bildungsdynamik, die Expansion (= Wachstum), ist das auffälligste.

Ein enormes Wachstum findet man beispielsweise bei der Schulbeteiligungsquote, die im vergangenen Jahrhundert weltweit stark gestiegen ist. Trotz unterschiedlicher Ausgangspunkte weisen alle Länder dieser Welt eine sehr ähnliche Dynamik auf. Während westeuropäische Staaten schon früh hohe Schulbeteiligungsquoten verzeichneten, haben die erst im Laufe des 20. Jahrhunderts unabhängig gewordenen Staaten nach ihrer Unabhängigkeit nachgezogen.

Ebenfalls eine Expansion erfuhren die Entwicklung nationaler Bildungsbehörden sowie die Entwicklung der wissenschaftlichen internationalen Nichtregierungsorgansiationen.

Konvergenz (auch Isomorphie)

Neben der Expansion ist auch die Konvergenz (= Gestaltenangleichung) beobachtbar.

Die Bildungssysteme gleichen sich hinsichtlich ihrer Organisation weltweit an. Der Stufenaufbau (Vorschule, Primarstufe, Sekundarstufe I und Sekundarstufe II) ist fast weltweit anzutreffen. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Im Fall von Kenia sind es beispielsweise die Geldgeber, die ein europäisches Schulsystem zur Bedingung für Investitionen gemacht haben.

Neben der Organisation gleichen sich schrittweise auch die Inhalte an, insbesondere in der Primarstufe. Der prozentuale Anteil unterschiedlicher Fächer an der Unterrichtszeit ist im interna­tionalen Vergleich sehr ähnlich. Es gibt kleine Abweichungen: So weisen die osteuropäischen Staaten einen im Vergleich höheren Anteil von Mathematik und Naturwissenschaften auf; dies geht auf Kosten der Gesellschaftswissenschaften.

Erklärungsansätze für die Bildungsdynamik

Für die beobachtete Phänomene gibt es sechs Erklärungsansätze.

Der erste Ansatz sieht einen Zusammenhang zwischen Bildungsentwicklung und wirtschaftlicher Entwicklung. Geleitet von dem Gedanken, dass Bildung zu besseren Verdienst- und Lebenschancen führt, ist jeder um eine bessere Bildung bemüht.

Der zweite Ansatz geht der Frage nach, ob die industriellen und postindustriellen Stufen nicht ein höheres Qualifikationsniveau erfordern. Es könnte auch möglich sein, dass Gesellschaften in postindustriellen Stufen so reich sind, dass sie Bildung als Konsum anbieten. Bildung wäre dadurch keine Notwendigkeit, sondern ein Selbstzweck.

Dass der Stand der politischen und gesellschaftlichen Modernisierung ursächlich für die Dynamik sei, das ist die Ausgangsbasis für den dritten Ansatz. Demokratische Gesellschaften bedürfen aus Sicht dieses Ansatzes eines höheren Maßes an Bildung. Zudem schaffen postindustrielle Gesellschaften Aufnahmeprüfungen, wie sie beispielsweise in Frankreich üblich sind. Dort gibt es für alles einen Wettbewerb, bei dem die Stellen vergeben werden. Es werden auch nur so viele Leute eingestellt, wie viele Plätze es gibt. Je egalitärer die Gesellschaft sei, desto rigider seien auch die Wettbewerbsprüfungen.

Ansatz Nummer 4 fragt, ob machtvolle und autoritäre Staaten eine stärke Bildungsexpansion auf­weisen, schließlich sind nationale Bildungssysteme für eine Staatenbildung ein sehr wichtiges Vehikel.

Der fünfte Ansatz beschäftigt sich mit dem positiven bzw. negativen Einfluss ethnischer Hetero­genität in der Bevölkerungszusammensetzung.

Der letzte Ansatz stellt die Frage, ob die Abhängigkeit von Staaten – sei sie kolonial oder ökono­misch bedingt – sich negativ auf die Bildungsexpansion auswirkt.

Der einzige Ansatz, der eine begrenzte positive Korrelation mit der Bildungsdynamik aufweist, ist derjenige mit Bezug auf die wirtschaftliche Entwicklung. Ein tatsächlicher Zusammenhang lässt sich aber mit einer Korrelation nicht nachweisen. Alle anderen Ansätze leisten statistisch betrachtet keinen nennenswerten Beitrag zur Erklärung der Bildungsdynamik.

»World Forces«

Wenn es also nicht die besonderen Ausgangsbedingungen und Eigenheiten der Länder sind, die die globalen Expansionsverläufe und ihre Konvergenz verursachen, was dann?

Weltweite Faktoren, die so genannten »World Forces«, sind für die Bildungsdynamik ausschlag­gebend. Sie bilden einen sich selbst generierenden und sich selbst tragenden Prozess. Die Welt stellt eine »single social system« dar, das den Rahmen der nationalen Institutionen vorgibt und sie durchdringt.

Dieses Weltsystem hat folgende Aspekte:

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2 Reaktionen

  1. Hauke Morisse

    13. Dezember 2010 – 14:59 Uhr (#252)

    zu »World Forces«
    fällt mir als wesentlicher Faktor erstmal das Nutzungsverhalten von Menschen in Netzwerken auf, die selbstverständlich heterogen sind, aber eben nicht mehr so stark auf Örtlichkeiten begrenzt sind, sondern auf „Communities“. Ganz unwissenschaftlich ist das jetzt mal eine Behauptung von mir, dass es in (informellen) Bildungsprozessen immer stärker an Bedeutung gewinnt, mit wem ich „vernetzt“ bin und Informationen und Kompetenzen austausche, und immer weniger, mit wem ich das gleiche formale Bildungssystem erlebe.

    Schöne Grüße
    von Hauke

    und danke für die Tweets 🙂

  2. Julius Becker

    13. Dezember 2010 – 15:41 Uhr (#253)

    Wie wir im Februar dann sehen werden, spielen Netzwerke eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der Weltbildungs- und -entwicklungsprogrammatik. Aber ich beziehe mich in meinen Aussagen vielmehr auf die Bildungsdynamik als auf individuelle Bildungsprozesse.

    Zu deinem Gedanken: Ja, auch bei Bildungsprozessen sind Netzwerke wichtig. Einigen tritt man automatisch bei, etwa wenn man einer bestimmten Bildungsinstitution angehört, bei anderen kann man sich die Mitgliedschaft »aussuchen«.

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