Monsieur Becker

Panorama

Japans Öffnung

Montag, 27. Dezember 2010 ·

Dies ist ein Beitrag des Blogthemas »Bildungsdynamik der modernen Welt«.

Japan hat sich Mitte des 19. Jahrhunderts in nur zwanzig Jahren von totaler Isolation und »Rückständigkeit« in die Moderne katapultiert. Nicht ganz freiwilig. Aber warum nicht aus der Not eine Tugend machen?

Geschichtlicher Abriss

Japan war früher ein sehr isoliertes Reich. Kontakt zur Außenwelt wurde kaum unterhalten. Und wenn doch Schiffbrüchige anlandeten, so wurde mit diesen kurzer Prozess gemacht.

Das vormoderne Japan war von zwei Gewalten repräsentiert: dem symbolisch agierenden Kaiser (Tennō) und dem eigentlichen Machthaber/Militärdiktator (Shōgun). Über die einzelnen Landesteile herrschten 280 Feudalfürsten.

In diese isolierte feudale Welt brach Mitte des 19. Jahrhunderts Westeuropa ein. Im Juli 1853 stellten die USA, die Japan mit ihrer Kriegsmarine einen Besuch abstatteten, Forderungen: Schiffsbrüchige sollten fortan gastlich behandelt werden, vorbeifahrende Schiffe sollten sich mit Trinkwasser und Proviant versorgen können und japanische Häfen sollten sich für den Handel öffnen. Durch den Nachahmungseffekt der rivalisierenden und sich gegenseitig nachahmenden Staaten zogen die Russen, Briten, Franzosen, Holländer und Preußen kurz darauf nach. Die technisch moderneren westlichen Staaten zwangen dem rückständigen Japan »ungleiche Verträge« auf.

Gleiches taten die Briten infolge des Opiumkriegs bereits mit China. Dies führte zu einer Art Halbkolonialisierung des chinesischen Reichs. Die Japaner, die diese Entwicklung aus der Ferne aufmerksam beobachteten, wollten dieses Schicksal nicht erleiden und entschlossen sich dazu, sich konsequent zu modernisieren und zu öffnen.

Dieser Vorgang, dass ein Gesellschaftssystem (in diesem Fall das westliche Gesellschaftssystem) neben ihm existierende Gesellschaftssysteme nicht mehr akzeptiert und über die Möglichkeit verfügt, die anderen Gesellschaften zu zwingen, sich zu ändern, stellt für Rudolf Stichweh den Beginn der Weltgesellschaft dar.

Etappen des Öffnungsprozesses

Nach Abschluss der ungleichen Verträge durch Shōgunatsregierung spalten sich die Feudalfürsten in zwei Lager: Zwischen den Anhängern des Tennōs (vor allem junge Feudalfürsten) und des Shōguns (vor allem alte Feudalfürsten) bricht eine Art Bürgerkrieg aus.

Man einigt sich darauf, den Kaiser wieder als Regierungschef einzusetzen und gestaltet die gesellschaftliche Ordnung des Landes neu. 1867 stirbt der Tennō, sein Nachfolger ist der 16-jähriger Meiji-Tennō (›erleuchtete Regierung‹). Im Jahr zuvor starb der Shōgun, dessen Nachfolger trat bald die Macht an Meiji ab.

1868 begann der als Meiji-Restaurierung bezeichnete politische Umbruch. Durch die Moderni­sierung soll die Kolonialisierung durch den Westen, die China erleiden musste, vermieden werden. Zu diesem Zweck modernisierte (kolonialisierte) man sich selbst und verfolgte dabei drei Ziele:

  1. Ungleiche Verträge beseitigen
  2. Niederlage und damit Kolonialisierung durch den West vermeiden (man wollte nicht wie China enden)
  3. Im Gefüge der rivalisierenden Mächte volle Gleichberechtigung erlangen

Die Modernisierung erfolgte allerdings nicht so, dass man einfach alles blind übernahm. Man modernisierte sich nach westlichem Vorbild unter — dies ist die Besonderheit — Berücksichtigung der eigenen Werte (Shintō[ismus]).

Die wichtigsten Modernisierungsmaßnahmen in der Meiji-Restaurierung sind:

  1. territoriale Neustrukturierung: Feudalterritorien wurden an den Kaiser zurückübertragen und neu in Präfekturen aufgeteilt (wie in Frankreich)
  2. Gründung zentraler Regierungsbehörden (später »Ministerien«)
  3. Regierungskabinett nach westlichem Vorbild wurde 1885 eingerichtet
  4. Rechtswesen wurde nach internationalen Vorbildern völlig neu strukturiert
  5. umfassende Militärreform (Privilegien der Samurai wurden aufgehoben, sie erhielten eine staatliche Pension, um sie ruhigzustellen; allgemeine Wehrpflicht)
  6. westlicher Kalender wurde eingeführt
  7. Währungsreform
  8. Post- und Eisenbahnwesen wurde aufgebaut
  9. Umfassende Reform des Bildungswesens (Einführung einer allgemeinen Schulpflicht)
  10. Sprachliche Standardisierung des Japanischen

Innerhalb von 20 Jahren (1870er/1880er) wurde das Land grundlegend modernisiert. Es wurden neue Verträge mit dem Westen geschlossen, Japan war nun gleichberechtigt.

Japans Erfolgsrezept: Moderne + Tradition

Japans Erfolgsrezept ist, dass westliche Einflüsse nicht unreflektiert übernommen wurden, sondern selektiv an japanische Verhältnisse angepasst wurden: Die Meiji-Restaurierung war eine Modernisierung unter Berücksichtigung der traditionellen Kultur.

Dabei spielt der Shintō[ismus] eine besondere Rolle. Er ist an sich eine Philosophie zur Morali­sierung des Einzelnen und zur Ordnung der Gesellschaft in einem hierarchischen Loyalitätsgefüge. Der Shintō wird »gereinigt« und mit seiner Hilfe eine mythische Entstehungsgeschichte Japans gesponnen, in deren Rahmen der Tennō vergöttlicht wurde. Dies führte zu einem mythisch überhöhten nationalen Radikalismus, der im Zweiten Weltkrieg zu Exzessen geführt hat.

Eine weitere zentrale Rolle bei der Modernisierung spielten die Vorbilder des Westens: auslän­dische Berater kamen nach Tokio; Japan schickte umgekehrt Experten in die USA und nach Europa. Auch das gesamte japanische Kabinett wurde für ein Jahr ins Ausland geschickt. Insgesamt gab der japanische Staat die Hälfte des gesamten Bildungshaushaltes für die Bezahlung ausländischer Experten und die Bezahlung der japanischen Studenten im Ausland aus.

Vom Zwangsgeöffneten zum Zwangsöffner

Wie bereits erwähnt, gelang es Japan, sich innerhalb kurzer Zeit zu modernisieren.

Die Folge der Öffnung war, dass Japan anfing, sich wie eine europäische Großmacht zu verhalten: Es führte Krieg gegen China (Besetzung Taiwans, japanische Kolonie bis 1945), Russland (eine europäische Großmacht, die rückständiger als das moderne Japan war) und Korea. Letzten zwang Japan ungleiche Verträge auf, sie zwangen Korea, sich zu öffnen und annektierten es.

Quintessenz

Das Beispiel Japan zeigt ganz gut, wie sich die Modernisierung vollzieht: Angesichts der Gefahr, kolonialisiert zu werden, holte sich Japan Rat aus dem Ausland und studiert das Funktionieren verschiedener Systeme (Bildung, Militär, Verwaltung, …) im Ausland. Die USA sowie die europä­ischen Mächte haben Japan ihre Weltentwicklungs- und -bildungsprogrammatik, ihre Vorstellung von Moderne »aufgedrückt«, Japan führte dies in Asien fort.

Japan ist daher repräsentativ für die Kernstücke der modernen Welt. Zum einen für die Inhalte an sich, zum anderen für die Prozesse der Verbreitung (Zwang von Außen, Reisen ins Ausland, Konsultation von Experten und Orientierung an Referenzgesellschaft).

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eine Reaktion

  1. Anonymus

    14. Januar 2015 – 09:24 Uhr (#7412)

    Der Artikel ist sehr klar, informativ und sehr übersichtlich und gut strukturiert. Er ist hilfreich und orientierend.

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