Monsieur Becker

Panorama

tyrannische Kinder

Dienstag, 20. April 2010 ·

Am Samstag lag das Taschenbuch »Warum unsere Kinder Tyrannen werden« in meinem Briefkasten. Ich hatte es mir tags zuvor bestellt, da mich eine Kommilitonin darauf aufmerksam machte.

Ein ausgesprochen interessantes Buch über die Abschaffung der Kindheit, das ich regelrecht verschlungen habe. Worum geht es?

Mangelnde Sicherheit, soziale Kälte und Perfektionszwang beherrschen mittlerweile unser Leben. Erwachsene kom­pen­sieren diese gesellschaftlichen Defizite leider allzu oft über ihre Kinder. Sie wollen geliebt werden statt erziehen, kuscheln statt Konflikte aushalten. Mit »partnerschaftlichen« Entscheidungen überforden sie die Kleinen, statt klare Regeln aufzustellen, die dem Leben ihrer Kinder Orientierung geben. Dadurch machen sie eine normale Entwicklung der kindlichen Psyche unmöglich.

Michael Winterhoff zeigt in seiner überraschenden wie erschreckenden Analyse diese Fehlentwicklung und belegt sie mit vielen anschaulichen Beispielen. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen: Nur wenn sie wieder ihrem Alter gemäß behandelt werden, können sie in einem positiven Sinn lebensfähig werden.
(Quelle: Winterhoff 20107: 2)

Das Buch zeigt eindringlich, dass ein (unter anderem von der »neuen Arroganz« gepflegter) parterschaftlicher Umgang mit Kindern diesen vielmehr schadet als nützt. Denn Kinder würden dadurch lustbetont (»Ich mache, wozu ich Lust habe!«), kennten keine Frustrationstoleranz (»Ich will alles sofort! Tanz nach meiner Pfeife!«), behandelten Menschen wie Gegenstände und könnten sich kaum konzentrieren. Dies seien nur einige Folgen. In der Schule – und später in der Ausbildung – hätten sie Defizite in der Fein- und Grobmotorik, in Wahrnehmung und Sprache, im Arbeits- und Sozialverhalten, … Wiesen früher vier von 25 Kinder Defizite auf, seien es heute vier von 25, die keine Defizite aufweisen. Die Klagen über nicht geeignete Lehrlinge nähmen auch immer stärker zu.

Was kann man dagegen tun? Der Autor und Kinderpsychiater Martin Winterhoff schlägt kein Patentrezept vor, doch er sensibilisiert seine Leser für die Notwendigkeit, vom Laissez-faire-Erzeihungsstil Abschied zu nehmen und Kinder liebevoll, aber fordernd und lenkend zu erziehen. Denn wenn nicht, macht man sein Kind über kurz oder lang zu einem gesellschaftsunfähigen Wesen.

Für 9,95 € das perfekte Buch für alle, die Kinder privat oder beruflich erziehen (werden) und später nicht bei der Supernanny landen wollen.

Mehr zum Buch und zum Autor

Kommentare gern hier im Blog oder via Twitter (@monsieurbecker).

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eine Reaktion

  1. Herr Larbig

    2. Mai 2010 – 01:52 Uhr (#108)

    Oh, dieser Beitrag gibt mir Grund, auf einen eigenen Beitrag zu verlinken, den ich kurz nach Erscheinen des Buchs als Kritik verfasst habe. Habe ihn gerade noch einmal gelesen – und würde nach wie vor kein Wort streichen. Als Ergänzung und als eine andere Position mag er hier ein Licht auf die Bandbreite der Positionen werfen, die dieses Buch ausgelöst hat:
    http://herrlarbig.de/2008/09/08/zu-michael-winterhoffs-warum-unsere-kinder-tyrannen-werden/

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