Monsieur Becker

Französisch

Wortschatztrainer Französisch

Montag, 10. Mai 2010 ·

Voller Neugier habe ich den neu veröffentlichten »Wortschatztrainer Französisch« von Barbara Holterhof und Prof. Dr. Dirk Siepmann, erschienen bei Klett (interaktiver Blick ins Buch), gekauft. Sehr angetan bin ich von den einführenden Bemerkungen zum Thema Wortschatz, auch wenn diese sich eher für Studenten als für Oberstufenschüler eignen.

Von den Übungen selbst bin ich leider weniger begeistert. Warum? Dies möchte ich am Beispiel von Kapitel I.1 »Der Mensch – Angaben zur Person« darstellen.

  1. Übung 1.2 (S. 32) ist eine Übersetzungsübung; Grammatik-Übersetzungsmethode in Reinform. Dies entspricht nicht den Ansprüchen der modernen Wortschatzarbeit, weder in der schulischen noch in der universitären Sprachbildung. In einem Satz wird »Schweizerin« mit »Suissesse« übersetzt. Diese Bezeichnung ist nicht gänzlich unüblich, aber im Petit Robert heißt es nur »Suisse«, im Dictionnaire du français von Le Robert & CLE international wird »une Suisse« als übliche Bezeichnung genannt. Le bon usage rechnet »Suissesse« dem gehobenen Sprachstil zu. Das Wörterbuch Pièges et difficultés de la langue français führt aus: « La forme ‹ une Suissesse › est vieillie et ne s’emploie que par plaisanterie. » Darüber hinaus werden die Einwohner der Schweiz in einer späteren Übung lediglich als »les Suisses« bezeichnet, obwohl für andere Länder sowohl die männliche wie die weibliche Bezeichnung angeben ist.
  2. In den Übungen 1.4 b) und c) (beide S. 33) soll man die Namen der Länder nennen, die man auf dem Weg von Budapest nach Madrid bzw. von Athen nach Kopenhagen durchquert. Streng genommen gehören die Anfangs- und Zielländer nicht dazu, denn diese durchquert (»traverser«) man nicht. Doch Anstoß nehme ich an der Route von Athen nach Kopenhagen. Der Lösung zufolge sei man nach der Slowakei gleich in Deutschland. Bei mir liegen auf dem Luftweg noch die tschechische Republik sowie Polen dazwischen. Von der Slowakei direkt nach Deutschland, das ist unmöglich.
  3. In Aufgabe 1.5 (S. 34) soll man eine Europakarte beschriften. In die Kästen hinein sollen wahrscheinlich die Ländernamen, doch genau weiß das nur ein Hellseher. Davon abgesehen, dass die Karte unschön verzerrt ist, gibt es so einige Fehler.
    1. Das türkische Staatsgebiet (beiderseits des Bosporus) ist unterschiedlich eingefärbt, dabei sollte ein Land stets eine Farbe haben. Dies betrifft ebenfalls die Russische Föderation mit der Oblast Kaliningrad und dem Mutterland.
    2. Montenegro wird nicht als selbstständiges Land dargestellt (nur eine Strichel- statt durchgehender Linie, kein Beschriftungskasten).
    3. Das Kosovo ist grafisch zwar von Serbien abgegrenzt (was eigenartig ist, bedenkend, dass Montenegro sich vor dem Kosovo abgespaltet hat), aber nicht mit einem Beschriftungskasten versehen.
    4. Die Beschriftungskästen fehlen ebenfalls bei Andorra, Malta, Monaco (dies ist insbesondere für die Frankophonie interessant), der Vatikanstadt und San Marino, obwohl diese Länder eingezeichnet sind.
  4. Bei der Lösung der Europa-Karte (S. 124) gibt es so viel zu beanstanden:
    1. Die Karte ist mit Informationen überfrachtet, nach denen in der Aufgabe nicht gefragt war.
    2. »Estonie«, »Suisse«, »Slovaquie«, »Slovénie«, »Kosovo«, »Moldavie« und »Algérie« sind dank sehr dunkler Schriftfarbe auf sehr dunklem Hintergrund kaum lesbar sind.
    3. Die Abkürzungen »Lux.«, »Liecht.« und »Rep. tchèque« sind bei bestem Willen keine Lösung, sondern nur ein Hinweis darauf.
    4. »Grande-Bretagne« ist schlichtweg falsch. Gesucht ist das Name des Staates (»Royaume-Uni«), nicht der der Insel (»Grande-Bretagne«).
    5. Bei den Staatenbezeichnungen fehlt der bestimmte Artikel. Für ein Wortschatzübungs­buch ist dies angesichts der Wichtigkeit des Genus bei der Wahl der Präpositionen nicht ideal.
  5. Allgemein konnte ich feststellen, dass die Lücken viel zu klein sind, als dass darin die Antworten sinnvoll eingetragen werden könnten. Beispielsweise soll »les Luxembourgeois, les Luxembourgeoises« in eine Lücke von 3,3 cm; sie ist nicht einmal zwei Daumen breit. Auch die Beschriftungskästen in der Europakarte sind deutlich zu klein.

Diese Anmerkungen, darunter nicht nur Verbesserungsvorschläge, sondern auch Fehler, beziehen sich auf 4 der 92 Übungsseiten sowie auf zwei der 37 Lösungsseiten. Für meinen Geschmack sind es deutlich zu viele Anmerkungen. Ich kann daher das Buch in seiner ersten Auflage nicht empfehlen, hoffe aber auf eine zeitnahe Durchsicht und Neuauflage.

Ergänzung: Meine Analyse bezieht sich ausschließlich auf das erste Kapitel. Die weiteren Kapitel wurden nicht untersucht, über sie kann keine Aussage getroffen werden.

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2 Reaktionen

  1. Dirk Siepmann

    13. Juni 2010 – 21:15 Uhr (#183)

    Sehr geehrter Herr Becker,

    danke für Ihre Lektüre der ersten vier Seiten des Buchs. Die Klett-Redaktion wird Ihre Kritik sicherlich bei der nächsten Auflage berücksichtigen. Ein gewissenhafter Rezensent sollte jedoch das gesamte Buch betrachten und nicht nur eigene Vorlieben (Erdkunde) so weit in den Vordergrund stellen, dass der Blick für das Ganze verloren geht.
    Es ist im Übrigen sachlich einfach falsch zu behaupten, dass Übersetzungsübungen (die Sie fälschlicherweise mit der Grammatik-Übersetzungsmethode gleichsetzen) nicht einer modernen Wortschatzmethodik entsprechen können. Vgl. z.B. die Forschungen von Laufer zum Einsatz von Kontrastivität (Applied Linguistics 2008), und Sie werden feststellen, dass empirische Beweise für die höhere Effektivität dieser Übungsform vorliegen! (Wie im Übrigen der Maßstab für guten Unterricht nicht der Spaß oder die „Modernität“ sein kann, sondern die Effektivität). Motivation und Übungsform sollte man ebenfalls nicht durcheinanderbringen; ein begeisterter Lehrer, der um die Wirksamkeit der Übungsform Übersetzung weiß, kann seine Schüler auch dazu motivieren. „Suissesse“ ist nicht nur in humoristischem Gebrauch, aber „Suisse“ sollte natürlich ergänzt werden. Alle Lösungen haben wir anhand von Korpora authentisiert.
    Ich freue mich allerdings, dass Ihnen aufgefallen ist, dass meine einleitenden Bemerkungen ganz nützlich sind. Das dort Skizzierte gehört in den Kopf jedes Lerners ab Klasse 9. Sonst wird es nie etwas mit dem Fremdsprachenlernen!

    Beste Grüße
    Prof. Dr. Dirk Siepmann

  2. Julius Becker

    13. Juni 2010 – 23:23 Uhr (#184)

    Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Siepmann,

    vielen Dank für Ihren Kommentar!

    Mein Anliegen war es nicht, das ganze Buch einer Analyse zu unterziehen, sondern beim Durchblättern sind mir im ersten Kapitel eine Reihe Ungereimtheiten aufgefallen. Dass sich mein Urteil nicht auf den ganzen Wortschatztrainer bezieht, habe ich jetzt durch eine Ergänzung klargestellt.

    Hinsichtlich der Übersetzungsübung: Danke für den Literaturhinweis. Der Nutzen dieser Übungsform für die Konstrastivität erscheint mir einleuchtend. Ein paar Worte hierzu in den einführenden Bemerkungen wären sicherlich hilfreich, um für Lernerinnen und Lerner (sowie Lehrer in spe wie mich) sinnvolle Übersetzungsübungen von weniger sinnvollen zu unterscheiden.

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