Monsieur Becker

Panorama

Bildungsföderlismus – ein Grundübel?!

Samstag, 5. Februar 2011 · ,

Damian Duchamps fordert, dass sich der Bildungsföderalismus zum Teufel scheren soll. Denn er sei, kurz zusammengefasst, neben veraltetem Unterricht (Punkt 1) und der Ungerechtigkeit, dass der gesellschaftliche Hintergrund die Schullaufbahn bestimmt (Punkt 2), eines der zentralen Probleme unseres Schulsystems. Oder richtiger: Unserer 16 Schulsysteme.

Ich poste hier meine Antwort, weil ich sie einen Blogbeitrag wert finde. Da mir nicht daran gelegen ist, einen Diskussionsnebenschauplatz zu eröffnen, habe ich die Kommentare hier deaktiviert und bitte um rege Diskussion bei Damian, wo sich mein Kommentar ebenfalls findet.

Hier nun mein Kommentar:

Ich persönlich sehe den Bildungsföderalismus nicht als eines der drei Grundübel des deutschen Bildungssystems. Wieso? Wie du richtig schreibst, garantiert »dessen Aufhebung […] keine automatische Verbesserung von Punkt eins und zwei«. Ich gehe sogar so weit und sage, dass es für die Schullaufbahn fast aller Schülerinnen und Schüler weder eine Verbesserung noch Verschlechterung bewirkt.

Das Bildungssystem ist und bleibt ein metaphorischer Öltanker, auch wenn es in der Hand des Bundes läge. Denn tiefgreifende Änderungen wirken frühestens, wenn die erste Schülergeneration durch ist. Das sind 12 Jahre. Oder je nach Land zwei bis drei Legislaturperioden. Viel zu lange, um für die nächste Wahl schon Erfolge vorzeigen zu können. Für den jeweiligen politischen Gegner ist das natürlich ein gefundenes Fressen, Versäumnisse und Untätigkeit vorzuwerfen. Natürlich muss die Opposition, sobald sie an die Macht kommt, selbst Zutaten in die Suppe kippen, um sich nicht den gleichen Vor­wür­fen auszusetzen. Und schon kochen die nächsten am Brei, mit zweifelhaftem Ergebnis. Ich glaube schon, dass Bildungspolitik die Wahlen beeinflusst. Doch wie so oft im Leben wird man für Negatives abgestraft, Positives wird als Selbstverständlichkeit erachtet. Soll heißen: Mit schlechter Bildungspolitik verliert man Wahlen, mit guter kann man hingegen keine Wahlen gewinnen.

Die Annahme, dass ein bundesweit einheitliches Schulsystem nicht ein Versuchsfeld würde, ist meines Erachtens illusorisch. Es gibt keinen guten Grund, warum die SPD auf Bundesebene im Gegensatz NRW nicht auch eine im Vergleich zur CDU/CSU andere Bildungspolitik betreiben sollte. Denn auch auf Bundesebene gibt es offensichtlich kein überparteiliches Interesse, nationale Aufgaben gemeinsam und ohne idiologische Grabenkämpfe zu lösen. Die »Reformen« am Gesundheits-, Steuer- und Rentensystem legen davon Zeugnis ab.

Selbst wenn es aufgrund einer Verkettung schier unendlich vieler glücklicher Zufälle gelänge, dass in alle Bundesländern das Bildungssystem der erfolgreichsten PISA-Teilnehmer eingeführt würde (egal ob in Eigenregie oder unter Federführung des Bun­des) hätten wir weiterhin ein großes Problem: Die Qualität des Unterrichts. Wenn der Erdkundelehrer drei der wertvollen Stunden lieber damit verbringt, einen ausführlichen Text über die chinesische Kulturrevolution zu diktieren und die Jahresdaten und Zusam­men­hänge im Test abzufragen, als systematisch einzuüben, wie man Karten und Dia­gram­me zu Bevölkerungsentwicklung, -verteilung und -dichte analysiert und vergleicht, sind Veränderungen am Bildungssystem unwirksam. Und leider gibt es nicht wenige Kolleginnen und Kollegen, die mit dem Argument »Das mache ich seit 20 Jahren so!« kommen. Dass man zwanzig Jahre lang auch etwas falsch machen kann, kommt ihnen gar nicht erst in den Sinn.

Bevor ich noch irrtümlicherweise als Verteidiger des Bildungsföderalismus gebrandmarkt werde, möchte ich betonen, dass ich eine Umverteilung der Gesetzgebungskompetenz in Sachen Bildung genauso befürworte wie du. Das Grundgesetz sollte hier zugunsten des Bundes geändert werden. Die Lage bessert sich allerdings nur für jene, die das Bundes­land wechseln. Mehr gewonnen hat man dadurch nicht.

Ich bin noch hin- und hergerissen, ob man nicht noch weiter gehen und einen Euro­pä­ischen Rahmen für die Schulbildung schaffen sollte. Mit gemeinsamen Bildungsstandards für die Doppeljahrgangsstufen 1/2, 3/4, 5/6, 7/8, 9/10 (Mittlerer Schulabschluss) und 11/12 (Abitur) sowie einer entsprechenden Anerkennung der Abschlüsse. Denn die Euro­päische Kommission hat sich zum Ziel gesetzt, die Mobilität innerhalb der EU zu fördern und aus Europa die innovativste und leistungsfähigste Volkswirtschaft der Erde zu machen.

Wie kann man das erreichen? Eine eigene Bildungspartei halte ich für einen denkbar schlechten Schritt. Das wäre wie die Piratenpartei, die nach anfänglichen Erfolgen irgendwie wieder in der Versenkung verschwunden ist. Meines Erachtens hätte man mehr für eine moderne Informationsgesellschaft erreicht, wenn es »Die Piraten in der CDU/SPD/FDP/LINKEN…« gegeben hätte. Eine Art überparteiliche Interessenvertretung, keine Konkurrenz zu den etablierten Parteien. Das Ganze bedarf dann einer enormen Lobbyarbeit, schließlich bekämpft auf diese Weise ja auch den allzu lukrativen Nachhilfe­markt.

Volksbegehren und Volksentscheide helfen auch nicht viel; sie existieren aufgrund un­se­rer geschichtlichen Erfahrung auf Bundesebene nicht. Ich erachte sie auch nicht als son­der­lich nützlich, denn was mir bisher in Berlin an Volksentscheiden untergekommen ist, hatte eher etwas mit Populismus denn mit Verstand zu tun.

Abwarten und Tee bringt uns hingegen auch nicht weiter. Bleibt meines Erachtens nur, an der Schraub »Unterricht« zu drehen: Sich als Lehrer stärker vernetzen. Individualisier­bares Unterrichtsmaterial leicht zugänglich machen, ebenso Lehrerfortbildungen und dazugehöriges Material. Damit es einem als Lehrkraft auch möglichst einfach gemacht wird, (fach)didaktische Neuerungen umzusetzen. Eine Reform der Lehrerbesoldung wäre dabei sicherlich auch angebracht.

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eine Reaktion

  1. Über Bildungspolitik und Föderalismus: Regierungen wechseln, aber guter Unterricht bleibt! | BlogBildung.net

    6. Februar 2011 – 19:37 Uhr (#368)

    […] er in seinem Artikel auch ausführlich begründet. Ebenso ausführlich wie auch engagiert reagiert Monsieur Becker in seinem Artikel „Bildungsföderalismus – ein Grundübel?!“ auf Damians Artikel und sieht in […]