Monsieur Becker

Panorama

Fortschritt

Montag, 7. Februar 2011 ·

Dies ist ein Beitrag des Blogthemas »Bildungsdynamik der modernen Welt«.

Im Beitrag über die europäischen Ursprünge der Programmatik wurde bereits erwähnt, dass die Kernbegriffe Fortschritt, Nationalstaat und Individuum Ergebnisse der Uminterpretations­prozesse sind, bei denen ursprünglich christliche Inhalte säkularisiert wurden. In diesem Beitrag wird diese Entwicklung am Beispiel des Begriffs Fortschritt aufgezeigt.

Die Leitidee des Fortschritts entwickelte sich aus dem christlichen Heils- bzw. Erlösergedanken. Es gibt drei Phasen, die jeweils von einem eigenen Verständnis von Fortschritt geprägt sind: die heidnische Antike, das Mittelalter und die Moderne.

»Fortschritt« in der heidnischen Antike

Bereits früh kannte man den Begriff des »Progressus«, bezog ihn aber nur auf eng umgrenzte Sachverhalte.

Man betrachtet nur Änderungen von Vergangenheit zu Gegenwart und bezeichnete mit dem Terminus das Erreichen eines veränderten Zustandes. Ein konkretes Bewusstsein für zukünftige Fortsetzungen gab es nicht. Auch wurde der Begriff nicht für gesellschaftliche Veränderungen verwendet.

»Fortschritt« im christlich geprägten Mittelalter

Im Mittelalter gewann die christliche Theologie an Einfluss. Die Menschen lebten damals in dem Bewusstsein, dass sie in einem Endzeitalter und auf einen Endzeitpunkt hin leben. Sie erwarteten die Wiederkunft Jesu Christi, die als Parusie bezeichnet wird.

Das Jüngste Gericht hatte sich jedoch immer weiter verzögert. Mit der Parusie hatte man einen Begriff, der einerseits zeitlich gestreckt, andererseits aber erwartbar war. Doch der Zeitpunkt verschob sich immer weiter, was insbesondere für Intellektuelle (im Sinne von philosophisch und theologisch Geschulten) ein Problem darstellte. So entstand die Metaphorik des Zeitpfeils, der ein bestimmtes Ende hatte. Damit gab es ein auf den Zeitpunkt der Parusie hin bezogenes Fort­schritts­bewusstsein. Dieses Zeitbewusstsein erstreckte sich noch nicht auf innerweltliche Geschehen, sondern auf ein transhistorisches, auf ein außerhalb der Zeit liegendes.

Die Verzögerung der Parusie wurde im Mittelalter zuerst negativ interpretiert, das heißt, beklagt. Durch die Rationalisierung (Entzauberung) des Problems konnte die Verzögerung jedoch uminter­pretiert werden: In der Verlängerung der Zeit liegen nun Vorteile (positive Interpretation). Zum einen könne man nun ein Mehr an Erkenntnissen gewinnen, zum anderen sei die Zahl der poten­ziell Erlösten umso größer, je länger das Jüngste Gericht auf sich warten lässt. Die ausbleibende Parusie wird als Erfüllung empfunden, die Vergrößerung der zukünftig Erlösten als Gewinn uminterpretiert. Die Deutung gewinnt einen progressiven Oberton.

»Fortschritt« in der Moderne

Der Fortschrittsbegriff in der Moderne entwickelt sich aus einem Bruch heraus, der durch die beginnenden Naturwissenschaften verursacht wurde. Die Naturwissenschaften werden zu Leitsektoren, deren Erkenntnisfortschritte den ursprünglichen theologischen Erfahrungsraum einengen und zurückdrängen. Infolge der Lösung von der religiösen Herkunftsbedeutung weitet sich der Fortschrittsbegriff auf die Zukunft aus. Die offene Zukunft ist dabei positiv besetzt.

Eine charakteristische Umdeutung ist die folgende: Altsein war früher negativ besetzt. Im Zuge der Naturwissenschaften wird Gebrechlichkeit alter Menschen umgedeutet zu zunehmenden Sinn­gebrauch. Es gibt einen Zugewinn an Vernunft und Erkenntnis. Die Gegenwart sei der Vergangen­heit an Erfahrung und Urteil überlegen, wie ein älterer Mann einem Jüngling überlegen ist. Es kommt zum Sieg der Moderne, zur Verherrlichung der eigenen Gegenwart. Es herrschte die Vor­stellung, man brauche nur ein paar Naturgesetze und erreiche dann den Zustand der perfection. Durch den Marquis de Condorcet, der über die perfection hinausgeht und Vervollkommnung (perfectibilité) als Ziel bestimmt, wird Fortschritt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum Selbstzweck.

Zusammenfassung

Zu Beginn ist Fortschritt nur die Feststellung, dass Gegenwärtiges gegenüber Vergangenem verändert ist. Im Mittelalter entwickelt sich ein Zeitpfeil mit der Parusie als Ende. Die später einsetzende Dehnung in der Zeit wird erst negativ, dann aber zunehmend positiv gewertet. In der Moderne wird die Vorstellung von Zeit mit wissenschaftlichen Inhalten besetzt, der theologische Gehalt wird zurückgedrängt. Durch das Streben nach perfectibilité anstatt nach perfection gewinnt die zeitliche Vorstellung an Dynamisierung, der Zeitpfeil führt unendlich weiter.

Kommentare gern hier im Blog oder via Twitter (@monsieurbecker).

Teilen: Telegram Twitter

diesen Beitrag kommentieren

Die Angabe eines Namens ist erforderlich (geben Sie ggf. anonym ein), E-Mail-Adresse (wird weder veröffentlicht noch weitergegeben) und Website sind fakultative Angaben. Beachten Sie bitte den Datenschutzhinweis!

Alle Kommentare werden moderiert, dies kann ggf. etwas dauern.