Monsieur Becker

Panorama

Mit Verlaub, Herr Peter Hahne, Sie sind …

Samstag, 18. Juni 2011

Letzten Sonntag fragte der ZDF-»Journalist« Peter Hahne in seiner Bild-Zeitungskolumne: »Ist der Unterricht für unsere Lehrer nur störende Unterbrechung ihrer Freizeit?«

Wenn Lehrer über Überlastung und Überforderung klagten, sollten sie bedenken, so Hahne weiter, dass man in keinem Beruf so viel Urlaub und Freizeit habe. »Ob man dort [= zuhause, nach Schulschluss] Hefte korrigiert, Rasen mäht, oder gleich den Riesling entkorkt, kontrolliert keiner.« Er berichtet über einen Berliner Schuldirektor, Jens Großpietsch, der eine Anwesenheitspflicht für Lehrer von 8 bis 16 Uhr fordere. Hahne findet das richtig, schließlich dürfe ein Kfz-Mechaniker »seine Werkstatt auch nicht nach sechs Stunden verlassen, um sich zu Hause ›vorzubereiten‹.« Man beachte die von ihm gesetzten Ironie implizierenden Anführungsstriche um vorzubereiten.

Nun legt Hahne auf seiner ZDF-Seite nach: »Vertragen Lehrer keine Kritik?«. Tenor: Man verdrehe ihn das Wort im Mund, er habe ja nur Großpietschs Position wiedergegeben.

Armer Herr Hahne.

Mir kämen die Tränen und ich bedauerte ihn, wenn er tatsächlich missverstanden worden wäre. Doch: Das wurde er nicht. Er hat in seiner Zeitungskolumne nicht nur eine Position wiederge­geben – er hat ganz billig Klischees bedient. Lehrer sind in seinen Augen stinkend faul und sie haben seeeeehr viel Urlaub. Das Niveau passt nicht nur zur Bildzeitung, sondern auch zu seiner Sendung, die ich schon öfter gesehen habe.

In die Reihe der journalistischen Lowlights wird sich auch die morgige Sendung einreihen, in die auch Schulleiter Jens Großpietsch eingeladen ist.

Um noch auf Herrn Großpietsch einzugehen: Ich kann seiner Position durchaus etwas abgewinnen. Ich würde von 8 Uhr bis 16 Uhr in der Schule sein, wenn ich dort Möglichkeiten hätte, mich ungestört auf meinen Unterricht vorzubereiten, ihn nachzubereiten, Schülerarbeiten zu korrigieren, Schüler- und Elterngespräche zu führen, diverse Konferenzen vorzubereiten, … Und wenn man dann, wie als Kassiererin oder als KFZ-Mechaniker, nach acht Stunden Feierabend hätte. Doch es fehlt an Räumlichkeiten, technischer Ausstattung und nicht zuletzt an Material. Der Staat wäre begeistert, wenn er für all das, was Lehrer derzeit aus der eigenen Tage bezahlen, im vollen Umfang aufkommen müsste.

Im Übrigen: Peter Hahnes Sendung dauert nur 27 Minuten. Die restlichen 10 053 Minuten pro Woche müsste er nach seiner Logik auch nur Freizeit haben. An seinen journalistischen Qualitäten gemessen dürfte das sogar hinkommen.

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eine Reaktion

  1. Herr Schwarzmüller

    20. Juni 2011 – 14:42 Uhr (#718)

    Eigentlich disqualifiziert sich Herr Hahne allein schon seine Mitarbeit bei der BILD (und schon seit Ewigkeiten durch unredliche Vereinfachungen, Pauschalisierungen und Laien-Philosophie), aber es ist schön, noch einmal auf den Punkt gebracht zu lesen, wie leicht der Blödsinn zu entlarven ist, den er da im Namen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens (das ich mitfinanzieren darf) auf die Bevölkerung loslässt. In jedem Fall werde ich mir morgen das erste Mal seine Sendung ansehen und dafür spät abends meine Arbeit unterbrechen…

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