Monsieur Becker

Panorama

Profil(losigkeit)

Mittwoch, 22. Februar 2012

So gut wie jede Schule hat ein Profil. Altsprachlich, naturwissenschaftlich, sportlich oder künstlerisch sind vermutlich die gängigen Betonungen. Mitunter stimmen beschlossenes und reales Profil nicht ganz überein: Das Gymnasium, an dem ich mein Abitur abgelegt habe, war offiziell musikalisch-künstlerisch und naturwissenschaftlich betont, tatsächlich wurden Japanisch und Norwegisch angeboten. Seit der Zusammenlegung mit einer anderen Schule, die sich vorher den Naturwissenschaften verschrieben hatte, ist Spanisch als fünfte Fremdsprache hinzugekommen (es gab natürlich noch Englisch und Französisch).

Insofern stellt sich die Frage: Wie sinnvoll ist ein Profil? Ist man als Schule ohne einen solchen Schwerpunkt chancenlos oder ist die vermeintliche Profillosigkeit nicht gerade ein Vorteil?

Gut, potenziellen Eltern und Schülern gegenüber ist ein Profil ein Verkaufsargument. Es ist wie ein Stempel. Kein Gütesiegel, das nach Kriterien vergeben wird, denn was tatsächlich mit der Betonung verbunden ist, unterscheidet sich von Schule zu Schule. Dennoch ist es ein Merkmal, an dem sich Interessierte orientieren. In Zeiten einer zahlenmäßig kleiner werdenden Schülerschaft sollte man auf ein Verkaufsargument nicht verzichten.

Andererseits: Es gibt viele Schülerinnen und Schüler, die nicht überdurchschnittlich für ein bestimmtes Fach begabt sind oder sich noch nicht festlegen möchten. Warum sollten sie sich nach der Grundschule für einen Schwerpunkt, der die restliche Schullaufbahn bestimmt, entscheiden müssen? Ist für solche Lernenden nicht ein »Profil light« besser, quasi kein Profil, ergänzt mit Wahlpflichtbereichen NaWi, Kunst, … Vielfältige Angebote für eine heterogene Schülerschaft.

Wo liegt die Zukunft? Einige Schulen mit klarem Profil und einige mit Profil light? Oder zwingt die Zusammenlegung und Schließung von Schulen zum »Entprofilieren«?

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2 Reaktionen

  1. Herr Rau

    23. Februar 2012 – 20:04 Uhr (#1415)

    Ich bin sehr für ein Profil. Aber nicht, um sich gegenüber anderen Schulen besser zu positionieren. (Ich habe selber auch noch nie erlebt, das Schulen das nötig hatten. War aber auch immer in Kleinstadt.) Sondern ein Profil sollte für ein gemeinsames Ziel stehen, gemeinsam gesetzte Schwerpunkte, gemeinsam getragene Entscheidungen. Teilnahme an Wettbewerbe, hohe Schüleraktivierung, Einsatz moderner Technologie, viele Fahrten, Konzentration auf bestimmte Fächer – irgend etwas davon, das ist besser, als wenn jeder alleine vor sich hin strampelt.

    Vielleicht sage ich das auch nur, weil ich das noch nie erlebt habe. 🙂 Jedenfalls entsteht ein Profil sicher nicht durch eine Verordnung von oben oder eine einfache Verschriftlichung des Profils.

  2. Dipl.-Psych. Thorsten Kerbs

    4. Januar 2013 – 00:00 Uhr (#3063)

    Ist es tatsächlich so, dass die Profilierung der Schulen eine Art Verkaufsargument darstellen soll? Wenn es wahrhaftig darum geht, möglichst attraktiv für möglichst viele Schüler und Eltern zu sein, dann wundert mich doch sehr, dass (nur für München und Umgebung gesprochen) hier noch keine Schule sich neben der fachlichen ausdrücklich für eine pädagogische Profilierung entschieden hat.

    In Bayern suchen zahllose Eltern, besonders im G8-geplagten Gymnasialbereich, händeringend nach staatlichen Schulen, in denen ihren Kindern mit mehr pädagogischem Sachverstand begegnet wird, als dies in ihrem subjektiven Empfinden gemeinhin der Fall ist. Viele Privatschulen versprechen pädagogisch mehr, als sie letztendlich einlösen können, und nicht jeder kann und mag sich hohe Schulgebühren leisten. Drum könnte ich mir vorstellen, dass eine pädagogische Profilierung der Renner schlechthin wäre.

    Naja, man wird ja mal träumen dürfen … Oder wäre so etwas gar schulrechtlich bzw. erst einmal als reine Willensbekundung machbar?

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