Monsieur Becker

Panorama

weniger Schülerinnen und Schüler, mehr Fremdsprachenlernerinnen und -lerner

Samstag, 24. September 2011

Die niedrige Geburtenrate sowie der anfängliche Übergang zum zwölfjährigen Abitur haben die Anzahl der Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland zwischen den Schuljahren 2002/2003 und 2009/2010 von 9,8 auf 8,9 Mio. zurückgehen lassen.

Umgekehrt nahm die Zahl der Fremdsprachenlerner zu. Nicht nur prozentual, sondern auch in absoluten Zahlen:

Verlierer sind Russisch und – zu meiner Überraschung – Türkisch. Zirka jeder hundertste Schüler heute lernt Russisch, die Sprache hat jedoch fast einen Drittel seiner Lerner verloren. Ebenfalls abgenommen hat die Anzahl der Schülerinnen und Schüler, die Türkisch lernen.

Alle Daten gibt es hier zum Nachlesen. Sie sind Tabelle 3.6 der Fachserie 11 Reihe 1 (Ausgaben 2002/2003 bis 2009/2010) des Statistischen Bundesamtes entnommen bzw. auf Grundlage dieser Daten errechnet.

Aktualisierung für das Schuljahr 2010/2011: Fremdsprachenerwerb (Schuljahr 2010/2011)

Aktualisierung für das Schuljahr 2012/2013: Fremdsprachenerwerb (Schuljahr 2012/2013)

Geografie & Lehren

Systemkompetenz im Geografieunterricht

Donnerstag, 1. September 2011 ·

Der Ernst-Klett-Verlag hat heute im Berliner Treffpunkt zur Fortbildung »Die Systemkompetenz im Geografieunterricht« geladen. Der Referent Prof. Dr. Rainer Uphues beleuchtete in seinem rund einstündigen Vortrag drei Aspekte der Systemkompetenz: Herausforderungen, Diagnostik und Förderung.

Definition

Beginnen wir mit der wichtigsten Frage: Was verstehen wir unter Systemkompetenz? Ich zitiere aus dem Hand-out:

Systemkompetenz meint die Fähigkeit, komplexe Wirklichkeitsbereiche als Systeme beschreiben, rekonstruieren und modellieren zu können und auf der Basis der Modellierung Erklärungen geben, Prognosen treffen und Handlungsmöglichkeiten entwerfen und beurteilen zu können.

Wozu Systemkompetenz?

Systemkompetenz und Geografie passen gut zu einander, da sich die Geografie als Systemwissenschaft versteht (vgl. Bildungsstandards Geografie: 10f.). Die Elemente der Geofaktoren bilden eine Struktur, sie haben eine Funktion und unterliegen Prozessen. Diese drei Systemkomponenten können auf verschiedenen Maßstabsebenen – von lokal bis global – untersucht werden.

Die komplexe Wirklichkeit zu beschreiben, zu rekonstruieren und zu modellieren ist für das Lösen von schwierigen Problemen unverzichtbar. Menschen haben allerdings oft den Drang, in Tat-Folge-Zusammenhängen zu agieren. Das bedeutet, dass sie ein entstehendes Problem unmittelbar lösen möchten, ungeachtet, ob es sich dabei um die sinnvollste und beste Lösung handelt. Auf diese Weise spielt sich oft ein Trial-and-error-Zyklus ab. Uphues illustriert ihn an zwei Beispielen, dem E10-Kraftstoff und Nike-Fußbällen. Der neue Kraftstoff mit erhöhtem Biospritanteil wurde kurzfristig ohne gründliche Vorbereitung eingeführt. Schnell hat man festgestellt, dass niemand ausreichend über E10 informiert war, weshalb die Autofahrer ihn aus Sorge vor Motorschäden mieden. Auch entpuppte sich Biosprit als wenig umweltfreundlich: Ackerflächen für Nahrungsmittel mussten weichen, Regenwälder wurden für Schnellwuchsplantagen abgeholzt. Die Rückseite der Medaille wurde schlichtweg nicht bedacht. Ebenso nicht beim Sportartikelhersteller Nike, der sich in den 1990er Jahren Vorwürfen ausgesetzt sah, dass Fußbälle in Kinderarbeit hergestellt werden. Unter dem Druck der Allgemeinheit beendete das Unternehmen schnell die Praxis; mit katastrophalen Folgen für die Kinder. Ihre Familien waren weiterhin auf das Einkommen der Kinder angewiesen, wodurch diese in die Prostitution oder in den Bergbau gedrängt wurden. Arbeiten, die weitaus gefährlicher und zehrender sind als das Nähen von Fußbällen. Die beiden Beispiele zeigen, dass sich Schnellschusslösungen oft negativ auswirken.

»Die Lösungen von heute sind vielfach die Probleme von morgen.«
(leider vermochte ich nicht, mir die Quelle zu notieren)

Ein guter Problemlöser ist daher derjenige, der ein Problem länger, dafür aber multiperspektivisch betrachtet, und erst dann handelt. Diese Form des umfassenden Denkens heißt »inkludierendes Denken«. Ein guter Problemlöser ist systemkompetent.

Facetten und Niveaus

Auf die Facetten der Systemkompetenz ging Uphues nur beiläufig ein. Er nennt insgesamt sieben Teilaspekte in drei (nicht näher spezifizierte) Gruppen: (A) Systemstruktur und -grenze, (B) Systeminteraktion, -dynamik und -emergenz sowie (C) Systemprognose und -regulation.

Eine Gliederung der Systemkompetenz in Niveaustufen wird derzeit erarbeitet und soll durch Tests empirisch abgesichert werden.

Diagnostik und Förderung

Eine Möglichkeit, Systemkompetenz zu diagnostizieren und zu fördern, ist folgende Aufgabe: Die Schülerinnen und Schüler stellen den Unterrichtsstoff der vergangenen Stunden als Strukturdiagramm bzw. Concept Map dar. Dabei gilt als Faustregel, dass Schüler, deren Diagramm eher wenige Elemente sowie nur monokausale und lineare Vernetzungsarten aufweisen, über eine geringere Systemkompetenz verfügen als Schüler, in deren Diagramm viele Elemente komplex vernetzt wurden. An die Erstellung müssen sich Verständnisfragen anschließen, denn nur weil man gut Wirkungsdiagramme erstellen kann, bedeutet das noch nicht, dass man eine Thematik vollends durchdacht hat.

Eine weitere, sehr interessante Methode ist die Dilemmadiskussion. Unsere komplexe Welt ist weder schwarz noch weiß, selten gibt es eindeutig richtig und falsch. So wie bei dem obigen Beispiel mit den Nike-Fußbälle nähenden Kindern. Nachdem das Problem des Dilemmas identifiziert wurde, setzen sich die Schüler fachlich mit der Thematik auseinander und debattieren, um zu einer abschließenden individuellen Wertung zu kommen. Dass es dabei nicht die Lösung gibt, dass man sich immer etwas unsicher bleibt, das müssen die Schülerinnen und Schüler ertragen lernen. Diese Fähigkeit wird Ambiguitätstoleranz genannt. Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass Schüler ausgesprochen ambiguitätstolerant sind und es begrüßen, die intensiv durchdachte Thematik richtig zu verstehen.

Wirkungsdiagramme eignen sich auch, um Schüler für mentale Modelle zu sensibilisieren. Dazu erfasst jeder Schüler vor einer Unterrichtsreihe seine individuelle Vorstellung zu diesem Thema. Der Lehrer bezieht sie in den Unterricht mit ein. Idealerweise verändern sich die mentalen Modelle während der Reihe und nähren sich an die wissenschaftliche Theorie an. Ein erneutes Strukturdiagramm in Anschluss an die Unterrichtsreihe ermöglicht einen Vergleich, also eine Bewusstmachung des eigenen Lernzuwachses, ebenso eine Diagnose des Lernstandes.

Systemkompetenz und andere Kompetenzen

Jetzt, da ich diesen Blogartikel schreibe, kommt bei mir die Frage auf, in welchem Verhältnis die Systemkompetenz zu den sechs DGFG-Kompetenzbereichen (a) Fachwissen, (b) räumliche Orientierung, (c) Erkenntnisgewinnung/Methoden, (d) Kommunikation, (e) Beurteilung/Bewertung und (f) Handlung bzw. den fünf Kompetenzbereichen des Berliner Rahmenlehrplans (i) Raumorientierung, (ii) Raumanalyse und -erschließung, (iii) Raumverständnis und Problemsicht, (iv) Raumbewertung sowie (v) Raumbewusstsein und Raumverantwortung steht.

Obwohl ich normalerweise mit dem DGFG-Kompetenzmodell besser klarkomme – es ist im Übrigen auch das einzige, das an der Universität thematisiert wurde –, erscheint mir das raumbezogene Kompetenzmodell des Berliner Rahmenlehrplans besser mit der Systemkompetenz vereinbar. (v) Raumbewusstsein und Raumverantwortung werden darin beschrieben als

die Fähigkeit und die Bereitschaft, an der Gestaltung von Lebensräumen bewusst teilzunehmen und dabei Verantwortung für die Bewahrung der Lebensgrundlagen auch für zukünftige Generationen zu übernehmen. Dieser Kompetenzbereich ist als Zielgröße zu verstehen, die sich nur langfristig herausbildet und die Entwicklung der oben genannten Kompetenzen [(i) bis (iv), Anmerkung von Julius Becker] voraussetzt.
(Quelle: Berliner Rahmenlehrplan 2006: 11)

Diese Definition deckt sich natürlich nicht mit der von Systemkompetenz, die Richtung ist jedoch sehr ähnlich.

Lehren & Panorama

sanfte Rebellen für nachhaltige Bildung

Sonntag, 21. August 2011

Bildung ist eines dieser Wörter, das jeder kennt, aber niemand richtig fassen kann. Spätestens seid »Wer wird Millionär« ist Allgemeinbildung en vogue, Bücher wie »Bildung – Alles was man wissen muß« (Naturwissenschaften kommen hier interessanterweise nicht vor) verkaufen sich wie geschnitten Brot. PISA hat uns gelehrt, dass unser Bildungssystem nicht so toll ist wie gedacht. Ins gleiche Horn stößt die Wirtschaft, die sich seit Jahr(zehnt)en über den niedrigen Bildungsstand potenzieller Auszubildender beklagt. Viele Lehrer kommen im Laufe ihres Arbeitslebens zu der Erkenntnis, dass Schüler immer »dümmer« würden.

Die Fragen, was gute Bildung ist und wie man sie Schülern angedeihen lässt, sind vieldiskutiert. Christoph Drösser hat sie im Zeit-Artikel »Das will ich nicht wissen« (via @retemirabile) aufgegriffen. »Hirnforscher und Psychologen plädieren für eine nachhaltige Bildung.« Nachhaltigkeit ist auch eines dieser Schlagwörter der modernen Zeit, das in Realität wieder alles und nichts bedeuten kann.

Gerhard Roth, Hirnforscher an der Universität Bremen, fordert konkret weniger Inhalt, dafür mehr

Wiederholen! Lehrer müssen ständig prüfen, was vom Gelehrten noch übrig ist. Innerhalb jeder Schulstunde nach zehn Minuten, am Anfang einer neuen Stunde den Stoff der vergangenen, am Anfang des neuen Schuljahres den Inhalt des letzten. Und in der zehnten Klasse noch einmal den Dreisatz aus der fünften oder sechsten.

Auch in Klassenarbeiten solle man nicht nur das seit der letzten Arbeit Behandelte abfragen, sondern ruhig auch altes Wissen. Natürlich schafft man auf diese Weise die vollgepackten Lehrpläne nicht. Doch was nützen die, wenn man sich als Lehrer zwar feiern kann, dass man alles durchgepeitscht hat, am Ende aber bei den Schülern doch nicht viel übrig bleibt?

Nach dem Artikel fragt man sich: Was nun? Kursänderungen vollzieht der Dampfer Schule nur langsam. An eine Lehrplanrevolution ist nicht zu denken. Vielleicht muss man ein sanfter Rebell werden, über die Thomas Vasek in der aktuellen brand eins berichtet. »Sie finden, dass manches schiefläuft in der Firma. Sie arbeiten hartnäckig dagegen an. Und waren noch nie so wertvoll wie heute.« (Quelle)

Sanfte Rebellen braucht das Land.

Geografie

Nahrungsmittelspekulation

Sonntag, 24. Juli 2011 ·

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http://www.youtube.com/watch?v=X32bhc9EB_I

Nach 2007/2008 gibt es derzeit eine erneute Nahrungsmittelpreiskrise. Weitere Informationen unter weed-online.org sowie unter fao.org.

Geografie

Human-Development-Index selbst erstellen

Samstag, 21. Mai 2011 ·

Der Human Development Index (HDI) ist ein von den Vereinten Nationen veröffentlichter Wohl­standsindikator. Er setzt sich aus der Lebenserwartung, der absolvierten Schul- und Ausbildungs­zeit sowie dem Bruttonationaleinkommen (BNE) je Person zusammen.

Die Auswahl dieser Kriterien ist nicht unstrittig. Beispielsweise Nachhaltigkeit, Gleichstellung von Mann und Frau sowie die Verteilung des Einkommens spielen keine Rolle. Doch genau das kann man ändern. Mit dem Do-it-yourself-Index des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP/PNUD). Hier kann man seinen eigenen HDI erstellen, die verschiedenen Kriterien unter­schiedlich gewichten und seinen Entwurf als PDF exportieren. Leider besteht keine Möglichkeit, ihn zwischenzuspeichern, um später Änderungen vorzunehmen.

Da es die Anwendung leider nicht auf Deutsch gibt, habe ich eine kleine Übersetzung der Indikatoren angefertigt (als PDF– oder ODT-Datei)

Geografie & Panorama

Plastic Planet

Mittwoch, 11. Mai 2011

Wir leben im Plastikzeitalter. Wo man in seiner Wohnung hinschaut, überall Kunststoffe. Es ist schon praktisch, was man mit diesem Allrounder alles machen kann. Doch die Kehrseite der Medaille: Plastiktüten »zieren« die Landschaft, in den Ozeanen gibt es sechsmal mehr Plastik als Plankton. Fische sterben mit vollem Magen, Albatrossjunge verenden, da ihre Eltern sie mit Plastikmüll gefüttert haben. Das geht auch noch lange so weiter, schließlich braucht es mehrere Jahrhunderte, bis eine Kunststofftüte vollständig abgebaut ist.

Um eben diese Kehrseite des ungebrochenen Plastikglaubens dreht sich der Film »Plastic Planet« von Werner Boote. Er ist nicht reißerisch, er will sensibilisieren.

Zum Beispiel für den Fakt, dass viele unserer täglichen Lebens­mittel in Plastik eingepackt sind. Jedem, der sich die Mühe macht, Produkte mit dem grünen Punkt gesondert zu recyceln, wird das aufgefallen sein. Was weniger offensichtlich ist: Weichmacher und andere Zusatzstoffe lösen sich aus solchen Verpackungen, gehen in die Nahrung über und werden aufgenommen. So etwas Bisphenol A, das in Polycarbonaten vorkommt. Dieses wurde beispielsweise lange für Babyflaschen verwendet. Bisphenol A wirkt im Körper jedoch wie Östrogen und senkt bei männlichen Personen die Spermienproduktion. Eine Untersuchungsreihe mit unfruchtbaren Paaren hat bei diesen erhöhte Konzentrationen von Stoffen gefunden, die in Kunststoffen enthalten sind.

Der Film bietet interessante Einblicke, die bedenklich stimmen. Entpuppt sich der Plastiksegen als Fluch?

Den Film gibt es beispielsweise bei Amazon auf DVD und Blu-ray in einer (fast) plastikfreien Ökoverpackung, aber auch als traditionell verpackte DVD.

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http://www.youtube.com/watch?v=4gLOoWt_vHQ

Geografie

Zeitzonen

Montag, 9. Mai 2011 ·

Mit der BBC kann man die Zeitzonen der Welt und einige Kuriositäten drum herum erkunden (via Free Technologies for Teachers).

Eigentlich wollte ich hier ein Video zum US-Bundesstaat Indiana einbetten. Dieser ist in zwei Zeitzonen geteilt. Leider wird trotz des richtigen Codes nicht das richtige Video eingebettet. Im »falschen« Video erfährt man etwas zur Zeit auf der internationalen Raumstation ISS. Auch sehr spannend.

Französisch

Wahlen in Frankreich

Sonntag, 27. März 2011

Die in der öffentlichen Wahrnehmung wichtigste Wahl in Frankreich ist die Präsidentschaftswahl (élection présidentielle). Diese Wahl ist so wichtig, da der französische Präsident im Vergleich zum deutschen Pendant eine viel größere Bedeutung im politischen Alltag hat. Erhält ein Kandidat die absolute Mehrheit, so ist er gewählt. Da dies bisher nie gelang, war immer eine zweite Runde, eine Woche später, notwendig. Daran nehmen die beiden Kandidaten, die in der ersten Runde die meisten Stimmen auf sich vereinigen konnten, teil.

Nicht minder wichtig ist die Wahl zur Nationalversammlung (élections législatives). In den 577 Wahlkreisen (circonscription législative) treten die Kandidaten alle 5 Jahre an, sofern der Präsident die Nationalversammlung nicht vorher auflöst. Erhält ein Kandidat die absolute Mehrheit, die gleichzeitig mindestens 25 % der Wahlberechtigten entspricht, so ist er gewählt. Erreicht kein Kandidat eines Wahlkreises diese Vorgaben, wird ebenfalls eine zweite Runde durchgeführt. An dieser dürfen alle Kandidaten teilnehmen, die mindestens so viele Stimmen wie 12,5 % der Wahlberechtigten erreicht haben. Falls nur ein oder kein Kandidat so viele Stimmen erhalten hat, nehmen die beiden Kandidaten, die in der ersten Runde die meisten Stimmen auf sich vereinigen konnten, teil.

Bei den Senatswahlen (élections sénatoriales) werden die 348 Senatoren indirekt durch Wahlkollegien (collège électoraux) gewählt. Diese bestehen aus Abgeordneten der Nationalversammlung, des Regionalrats, des Generalrats sowie aus Vertretern, die durch die Gemeinderäte ernannt werden. Die Wahlen finden alle drei Jahre statt, wobei je die Hälfte der Senatoren neu bestimmt wird. Die Amtszeit beträgt also sechs Jahre.

Ebenfalls für sechs Jahre, aber direkt, werden die Mitglieder des Regionalrates gewählt. Für die Regionalratswahlen (élections régionales) werden Parteilisten erstellt, auf der gleich viele Männer wie Frauen stehen müssen. Jene Parteiliste, die die absolute Mehrheit erreicht, erhält ein Viertel der Sitze im Regionalrat als Prämie. Alle anderen Sitze werden proportional auf alle Listen verteilt, die mehr als 5 % erreicht haben. Erreicht keine Parteiliste die absolute Mehrheit, ist eine zweite Runde notwendig. Daran dürfen alle Listen teilnehmen, die mindestens 10 % der Stimmen erhalten haben. Listen, die mehr als 5 %, aber weniger als 10 % erreicht haben, dürfen mit anderen Listen, die ebenfalls mehr als 5 % haben, fusionieren. Wie schon bei der ersten Runde erhält die stärkste Liste ein Viertel der Sitze als Prämie, die restlichen Sitze werden proportional vergeben.

Auf Ebene der Départements finden Generalratswahlen (élections cantonales) statt. In den 4 039 Wahlkreisen (canton) der France métropolitaine werden die Kandidaten wie bei den Wahlen zur Nationalversammlung gewählt: Ein Kandidat ist in der ersten Runde gewählt, wenn er die absolute Mehrheit, die gleichzeitig mindestens 25 % der Wahlberechtigten entspricht, erreicht. Erfüllt kein Kandidat diese Vorgaben, wird ebenfalls eine zweite Runde durchgeführt. An dieser dürfen alle Kandidaten teilnehmen, die mindestens so viele Stimmen wie 12,5 % der Wahlberechtigten erreicht haben. Falls nur ein oder kein Kandidat so viele Stimmen erhalten hat, nehmen die beiden Kandidaten, die in der ersten Runde die meisten Stimmen auf sich vereinigen konnten, teil.

Ab 2014 werden die Regionalrats- und Generalratswahlen durch Territorialratswahlen (élections territoriales) abgelöst. Diese werden voraussichtlich so wie die Generalratswahlen durchgeführt, wobei die Anzahl der Wahlkreise auf 3 500 reduziert werden soll. Die Gewählten sind dann Mitglieder sowohl in dem Generalrat ihres Départements als auch im Regionalrat ihrer Region.

Im Rahmen der Gemeinderatswahlen (élections cantonales) werden die Kommunalparlamente der 36 682 Gemeinden gewählt. Das konkrete Verfahren ist von der Größe der Gemeinde abhängig.

Panorama

Der Fall »Bologna«

Montag, 28. Februar 2011 ·

Dies ist ein Beitrag des Blogthemas »Bildungsdynamik der modernen Welt«.

Im letzten Beitrag wurden die »World Cultural Blueprints of Development« vorgestellt. Als Blaupause lässt sich dieses Schema auch auf den Bologna-Prozess übertragen, wie im folgenden aufgezeigt werden soll.

Der Anstoß für den Bologna-Prozess geht auf die Bildungsminister Claude Allègre (Frankreich), Luigi Berlinguer (Italien) und Jürgen Rüttgers (Deutschland) zurück, die sich von der »G8 of research«, ein informelles Netzwerk der Carnegie Corporation, kannten. Sie nahmen aus diplomatischen Gründen noch die britische Staatsministerin für Hochschule Tessa Blackstone hinzu.

Alle vier Minister veröffentlichten im Mai 1998 im Rahmen der 800-Jahr-Feier der Pariser Universität die Sorbonne-Deklaration: eine Erklärung über die Harmonisierung der Architektur des europä­ischen Hochschulsystems. Ihr Ziel war es, teils massive nationale Probleme in den Hochschulen zu lösen. So gibt es in Frankreich eine Zweiteilung des Hochschulwesens in schlecht ausgestattete Massenuniversitäten und die elitären Grandes Écoles, die wiederum keine internationale Strahlkraft haben. In Italien hingegen hat die Studienabbrecherquote ein so großes Ausmaß erreicht, dass man schon von mortalità universitaria sprach. Die Lösung dieser Probleme stieß hingegen auf Widerstände, zu deren Bewältigung die Bildungsminister Europa und die damit verbundene Fortschrittsidee zur Legitimationsinstanz machten.

Es wurde ein Memorandum erarbeitet: »Für ein europäisches Hochschulmodell«. Darin verstän­digte man sich auf ein imaginäres angelsächsisches Modell (3 Jahre Bachelor, 2 Jahre Master, 3 Jahre Promotion). Die Unterschiede zwischen den Hochschulsystemen sollten ausgeglichen werden. Ein gemeinsames System von Abschlüssen solle die Institutionen erst zur Annäherung bewegen, irgendwann zur Fusion.

All dies mündete 1999 in die Bologna-Deklaration mit dem Ziel der Harmonisierung. Bologna ist demnach keine Neuigkeit, sondern eine Forführung, eine Präzisierung des Bisherigen, ein Schritt zur Institutionalisierung des europäischen Hochschulmodells. Bologna ist eine Beschwörung der Diversität der europäischen Hochschulsysteme einerseits, aber auch eine Forderung nach Qualitätssicherung des europäischen Hochschulsystems andererseits.

Wie aufgezeigt wurde, lassen sozial-kommunikative Prozesse die Programmatik entstehen und sorgen für deren Verbreitung. Sie sind sozial, weil sie von bestimmten Trägern (Organisationen, Experten, soziale Bewegungen, Experten) vorangetrieben werden. Und sie sind kommunikativ, weil sie auf Konferenzen, Kongressen und Publikationen basieren; man spricht auch von einem »Konferenz – Deklaration – Nationaler Plan«-Zyklus.

Durch den Bologna-Prozess entstand eine »European Cultural Blueprint of Higher Education«. Die Umsetzung dieser Blaupause ist eine kontextspezifische Aneignung, das heißt, dass Bologna nicht überall gleich umgesetzt wurde und wird. Es findet eine Rekontextualisierung statt: Die Programmatik tritt in einen bereits existierenden Kontext ein und wird rekontextualisiert, also von dem existierenden Hochschulwesen überformt. Zudem richtet sich die Politik bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses nach internen Vorgaben. Beispiele für solche Einflussfaktoren sind unter anderem unterschiedliche Rechts- und Verfassungstraditionen sowie das unterschiedliche Selbstverständnis von Universitäten.

Panorama

Träger und Mechanismen globaler Dissemination

Montag, 21. Februar 2011 ·

Dies ist ein Beitrag des Blogthemas »Bildungsdynamik der modernen Welt«.

Es gibt verschiedene Formen und Träger der weltweiten Ausbreitung, der Globalisierung. Für die Dissemination der Weltentwicklungs- und -bildungsprogrammatik hingegen spielen internationale Organisationen eine entscheidene Rolle.

Bevor wir auf die Rolle der internationalen Organisationen eingehen wollen, sei ein kurzer Überblick über Formen und Träger der Globalisierung in einer historisch orientierten Abfolge gestattet:

  1. Kulturbegegnungen jeglicher Art (auf gleicher Augenhöhe)
  2. Kriege und koloniale Expansion (bei Niederlage gab es immer eine tiefgreifende Reform des Bildungssystems im unterliegenden Staat)
  3. internationales Staaten-System: »Zwang«, »Imitation«, »normativer Druck«
  4. Referenzgesellschaften (lösen sich ab: in den 1970er Jahren war in Sachen Bildung Schweden Referenzgesellschaft, jetzt ist es eher Finnland)
  5. Reisen – Missionen – Netzwerke
  6. Personenzirkluation (Missionare, Händler, Studenten, Austausch, Stipendienprogramme)
  7. Expertenzirkulation
  8. internationale Regierungs- und Nichtregierungsorganisation: Vermittler bestimmter accounts, rules, ideologies

Rolle internationaler Organisationen

Internationale Organisationen spielen im Neo-Institutionalismus eine entscheidende Rolle. Einer These zufolge wurden die Referenzgesellschaften vom Handeln der internationalen Organisationen abgelöst.

Diese These untersuchte Colette Chabbott in ihrem Buch »Constructing education for development«. Ihre Kernidee: Bildung bzw. Erziehung entsteht nicht von selbst, sondern wird geschaffen. Chabbott untersuchte dazu Weltentwicklungskonferenzen und deren Ergebnisse. Sie kam zu dem Ergebnis, dass auf den Kongressen (soziale und kommunikative Treffen) Deklarationen erarbeitet und verabschiedet werden, die normative Regeln enthalten. Auf diese Weise wird die Weltbildungsprogrammatik aufgebaut.

Die Durchsetzung der Programmatiken erfolgt nach einem bestimmten Schema, das als Blaupause bezeichnet wird: »World Cultural Blueprints of Development«. Auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene gibt es Organisationen. Sie bilden ein mehrfach gestuftes, aber miteinander verbundenes System von Organisationen zur Weitergabe der Programmatik. Die Weitergabe erfolgt durch Konferenzen, Deklarationen und konkrete Handlungsprogramme (ideologies).

(Quelle)

Die Grafik kann auf verschiedene Themen übertragen werden, etwa auf den Bologna-Prozess. Durch eine internationale Deklaration und verschiedene Nachfolgekonferenzen entstand, wie im folgenden Beitrag der Serie dargestellt wird, die »European Cultural Blueprint of Higher Education«.

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