Monsieur Becker

Panorama

Transnationale Bildungsprogrammatik (Teil I)

Montag, 3. Januar 2011 ·

Dies ist ein Beitrag des Blogthemas »Bildungsdynamik der modernen Welt«.

Für die Modernisierung des japanischen Bildungssystems war die Konsultation von Experten sehr wichtig. Eine Schlüsselrolle spielt hierbei das Memorandum von David Murray, das Mori Arinori ins Japanische übersetzte. Es ist beispielhaft für die Inhalte der transnationalen Bildungsprogrammatik.

Anfrage von Mori Arinori

Mori Arinori war der erste japanischer Gesandte in den USA. Um sein Land bei der Selbstmoderni­sierung zu unterstützen, wandte er sich an US-amerikanische Universitätsdirektoren. In seinem Brief betonte Mori Arinori den Wunsch nach großem Fortschritt seines Landes, um die Zivilsiertheit Asiens anzuheben. Die mission civilisatrice verfolgend übernimmt er den Gedanken, dem Westen ebenbürtig zu werden und Asien auf westliches Niveau zu heben.

Mori formulierte fünf Fragen: Wie wirkt sich Bildung aus auf (a) den Wohlstand des Volks, (b) den Handel, (c) die Landwirtschaft, (d) die sozialen, moralischen und physischen Bedingungen des Volkes und (e) die Gesetzgebung sowie die Regierung.

Memorandum von David Murray

David Murray von der Universität in New Brunswick antwortete ihm mit einer Denkschrift, einem Memorandum.

Seine Antwort ist in drei große Dimensionen geteilt:

  • Stellenwert von Bildung für gesellschaftliche Entwicklung/Fortschritt
  • Grundsätze einer modernen Bildungsorganisation
  • Makroorganisation eines neu aufzubauenden Bildungssystems

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der ersten Dimension. Die anderen beiden folgen in einem späteren Beitrag.

Stellenwert von Bildung für gesellschaftliche Entwicklung

Die Bedeutung von Bildung wird bereits in der Überschrift deutlich: »National Education« weist auf die nationale Bedeutung von Bildung und Erziehung hin. »National Education« bezieht sich sowohl auf die Nation als auch auf das Individuum selbst, denn es ist Aufgabe des Nationalstaates, für die Erziehung seiner Bürger zu sorgen. Zugleich ist er Vormund, Beschützer und Garant der nationalen Gesellschaft.

Bildung ist daher unverzichtbar für die Anhebung des Zivilisationsgrades. Dieses sachliche Argument wird durch Verweise auf Beispiele, dass dem so ist, gestützt. Murray verweist für den Zusammenhang von Bildung und Entwicklung auf die USA und Deutschland. Die beiden Länder sind Referenzgesellschaften, von denen man lernen kann, Bildung als Fortschrittsmittel einzusetzen.

Für den Zusammenhang von Bildung und Wohlstand fungieren England und die USA als Referenzgesellschaften. Murray zufolge trägt Bildung in dreifacher Weise zum materiellen Wohlergehen bei: (1) durch individuelle Motivierung, die eigene Lage zu verbessern, (2) durch Vermittlung von Erfahrungen aus dem Ausland und (3) durch technologische Qualifizierung von Facharbeitern. »Improvement« ist hier der zentrale Begriffe des Fortschritts. Eine Nation, die ihre Ressourcen entwickeln will, muss in der Lage sein, ihre Leute zu qualifizieren.

Der Begriff »Bildung« wird von Murray erweitert. Bildung sei nicht nur als berufliche Qualifikation, sondern auch Allgemeinbildung im Sinne der Bildung des ganzen Menschen. Wo immer man Bildung ausgebaut habe, nahmen Wohlstand und Glück zu.

Der technologische Fortschritt führt zu Automatisierung, die wiederum die Arbeit verändert. Man kann die so eingesparte Zeit und das eingesparte Geld dazu nutzen, höhere Fähigkeiten zu entwickeln, denn der Mensch lebt nicht von Brot allein, sondern auch von intellektueller bzw. geistiger Nahrung. Bildung zielt dadurch ab auf Glück, geistige Nahrung und Menschenwürde.

Hinsichtlich der Wirkung von Bildung auf Gesetzgebung und Regierung geht Murray grundsätzlich davon aus, dass in allen guten Regierung die Verwaltung in den Händen der besser gebildeten Klasse ist. Je aufgeklärter die Gesetze und je fortschrittlicher die Nationen sind, desto besser ist der Regierungsstil. Eine gerechte, objektive und integre Regierung ist dabei für die Aufrecht­erhaltung der Ordnung des Landes viel wichtiger als eine Armee. Zudem hilft Bildung Geld zu sparen: “What is spent on education will be saved a hundredfold in armies, and police, and courts of justice.” Schlussendlich genieße eine gebildete Nation Ansehen und Macht im internationalen Staatensystem.

Panorama

Japans Öffnung

Montag, 27. Dezember 2010 ·

Dies ist ein Beitrag des Blogthemas »Bildungsdynamik der modernen Welt«.

Japan hat sich Mitte des 19. Jahrhunderts in nur zwanzig Jahren von totaler Isolation und »Rückständigkeit« in die Moderne katapultiert. Nicht ganz freiwilig. Aber warum nicht aus der Not eine Tugend machen?

Geschichtlicher Abriss

Japan war früher ein sehr isoliertes Reich. Kontakt zur Außenwelt wurde kaum unterhalten. Und wenn doch Schiffbrüchige anlandeten, so wurde mit diesen kurzer Prozess gemacht.

Das vormoderne Japan war von zwei Gewalten repräsentiert: dem symbolisch agierenden Kaiser (Tennō) und dem eigentlichen Machthaber/Militärdiktator (Shōgun). Über die einzelnen Landesteile herrschten 280 Feudalfürsten.

In diese isolierte feudale Welt brach Mitte des 19. Jahrhunderts Westeuropa ein. Im Juli 1853 stellten die USA, die Japan mit ihrer Kriegsmarine einen Besuch abstatteten, Forderungen: Schiffsbrüchige sollten fortan gastlich behandelt werden, vorbeifahrende Schiffe sollten sich mit Trinkwasser und Proviant versorgen können und japanische Häfen sollten sich für den Handel öffnen. Durch den Nachahmungseffekt der rivalisierenden und sich gegenseitig nachahmenden Staaten zogen die Russen, Briten, Franzosen, Holländer und Preußen kurz darauf nach. Die technisch moderneren westlichen Staaten zwangen dem rückständigen Japan »ungleiche Verträge« auf.

Gleiches taten die Briten infolge des Opiumkriegs bereits mit China. Dies führte zu einer Art Halbkolonialisierung des chinesischen Reichs. Die Japaner, die diese Entwicklung aus der Ferne aufmerksam beobachteten, wollten dieses Schicksal nicht erleiden und entschlossen sich dazu, sich konsequent zu modernisieren und zu öffnen.

Dieser Vorgang, dass ein Gesellschaftssystem (in diesem Fall das westliche Gesellschaftssystem) neben ihm existierende Gesellschaftssysteme nicht mehr akzeptiert und über die Möglichkeit verfügt, die anderen Gesellschaften zu zwingen, sich zu ändern, stellt für Rudolf Stichweh den Beginn der Weltgesellschaft dar.

Etappen des Öffnungsprozesses

Nach Abschluss der ungleichen Verträge durch Shōgunatsregierung spalten sich die Feudalfürsten in zwei Lager: Zwischen den Anhängern des Tennōs (vor allem junge Feudalfürsten) und des Shōguns (vor allem alte Feudalfürsten) bricht eine Art Bürgerkrieg aus.

Man einigt sich darauf, den Kaiser wieder als Regierungschef einzusetzen und gestaltet die gesellschaftliche Ordnung des Landes neu. 1867 stirbt der Tennō, sein Nachfolger ist der 16-jähriger Meiji-Tennō (›erleuchtete Regierung‹). Im Jahr zuvor starb der Shōgun, dessen Nachfolger trat bald die Macht an Meiji ab.

1868 begann der als Meiji-Restaurierung bezeichnete politische Umbruch. Durch die Moderni­sierung soll die Kolonialisierung durch den Westen, die China erleiden musste, vermieden werden. Zu diesem Zweck modernisierte (kolonialisierte) man sich selbst und verfolgte dabei drei Ziele:

  1. Ungleiche Verträge beseitigen
  2. Niederlage und damit Kolonialisierung durch den West vermeiden (man wollte nicht wie China enden)
  3. Im Gefüge der rivalisierenden Mächte volle Gleichberechtigung erlangen

Die Modernisierung erfolgte allerdings nicht so, dass man einfach alles blind übernahm. Man modernisierte sich nach westlichem Vorbild unter — dies ist die Besonderheit — Berücksichtigung der eigenen Werte (Shintō[ismus]).

Die wichtigsten Modernisierungsmaßnahmen in der Meiji-Restaurierung sind:

  1. territoriale Neustrukturierung: Feudalterritorien wurden an den Kaiser zurückübertragen und neu in Präfekturen aufgeteilt (wie in Frankreich)
  2. Gründung zentraler Regierungsbehörden (später »Ministerien«)
  3. Regierungskabinett nach westlichem Vorbild wurde 1885 eingerichtet
  4. Rechtswesen wurde nach internationalen Vorbildern völlig neu strukturiert
  5. umfassende Militärreform (Privilegien der Samurai wurden aufgehoben, sie erhielten eine staatliche Pension, um sie ruhigzustellen; allgemeine Wehrpflicht)
  6. westlicher Kalender wurde eingeführt
  7. Währungsreform
  8. Post- und Eisenbahnwesen wurde aufgebaut
  9. Umfassende Reform des Bildungswesens (Einführung einer allgemeinen Schulpflicht)
  10. Sprachliche Standardisierung des Japanischen

Innerhalb von 20 Jahren (1870er/1880er) wurde das Land grundlegend modernisiert. Es wurden neue Verträge mit dem Westen geschlossen, Japan war nun gleichberechtigt.

Japans Erfolgsrezept: Moderne + Tradition

Japans Erfolgsrezept ist, dass westliche Einflüsse nicht unreflektiert übernommen wurden, sondern selektiv an japanische Verhältnisse angepasst wurden: Die Meiji-Restaurierung war eine Modernisierung unter Berücksichtigung der traditionellen Kultur.

Dabei spielt der Shintō[ismus] eine besondere Rolle. Er ist an sich eine Philosophie zur Morali­sierung des Einzelnen und zur Ordnung der Gesellschaft in einem hierarchischen Loyalitätsgefüge. Der Shintō wird »gereinigt« und mit seiner Hilfe eine mythische Entstehungsgeschichte Japans gesponnen, in deren Rahmen der Tennō vergöttlicht wurde. Dies führte zu einem mythisch überhöhten nationalen Radikalismus, der im Zweiten Weltkrieg zu Exzessen geführt hat.

Eine weitere zentrale Rolle bei der Modernisierung spielten die Vorbilder des Westens: auslän­dische Berater kamen nach Tokio; Japan schickte umgekehrt Experten in die USA und nach Europa. Auch das gesamte japanische Kabinett wurde für ein Jahr ins Ausland geschickt. Insgesamt gab der japanische Staat die Hälfte des gesamten Bildungshaushaltes für die Bezahlung ausländischer Experten und die Bezahlung der japanischen Studenten im Ausland aus.

Vom Zwangsgeöffneten zum Zwangsöffner

Wie bereits erwähnt, gelang es Japan, sich innerhalb kurzer Zeit zu modernisieren.

Die Folge der Öffnung war, dass Japan anfing, sich wie eine europäische Großmacht zu verhalten: Es führte Krieg gegen China (Besetzung Taiwans, japanische Kolonie bis 1945), Russland (eine europäische Großmacht, die rückständiger als das moderne Japan war) und Korea. Letzten zwang Japan ungleiche Verträge auf, sie zwangen Korea, sich zu öffnen und annektierten es.

Quintessenz

Das Beispiel Japan zeigt ganz gut, wie sich die Modernisierung vollzieht: Angesichts der Gefahr, kolonialisiert zu werden, holte sich Japan Rat aus dem Ausland und studiert das Funktionieren verschiedener Systeme (Bildung, Militär, Verwaltung, …) im Ausland. Die USA sowie die europä­ischen Mächte haben Japan ihre Weltentwicklungs- und -bildungsprogrammatik, ihre Vorstellung von Moderne »aufgedrückt«, Japan führte dies in Asien fort.

Japan ist daher repräsentativ für die Kernstücke der modernen Welt. Zum einen für die Inhalte an sich, zum anderen für die Prozesse der Verbreitung (Zwang von Außen, Reisen ins Ausland, Konsultation von Experten und Orientierung an Referenzgesellschaft).

Panorama

Moderne (Bildungs)Welt

Montag, 20. Dezember 2010 ·

Dies ist ein Beitrag des Blogthemas »Bildungsdynamik der modernen Welt«.

Im letzten Beitrag wurden Phänomene und Ursachen der Bildungsdynamik vorgestellt, die zu unserer modernen Bildungswelt geführt haben. Dieser Beitrag geht der Frage nach: Was genau ist die moderne (Bildungs)Welt und wodurch ist sie gekennzeichnet?

Moderne Welt

Zwei Antonyme des Wortes »modern« sind »veraltet« und »bisherig«. Diese deuten darauf hin, dass mit der Moderne Änderungen eintreten, die Bisheriges verändern oder ersetzen und aus moderner Sicht veraltet erscheinen lassen. Genau dieser Bruch ist ein wesentliches Charak­teristikum zur Bestimmung der Moderne: Mit dem Überschreiten dieses Bruchs (auch Sattelzeit genannt) gibt es Veränderungen, die nicht mehr rückgängig zu machen sind.

Unsere moderne Welt begann im Mittelalter mit den Entdeckungen und Eroberungen, dem Handel und der Missionierung. Wie ich noch am Beispiel von Japans (zeitlich nicht mehr ins Mittelalter einzuordnende) Öffnung aufzeigen werde, zwangen »modernere« Gesellschaften »unmoderne« Gesellschaften zur Modernisierung. Die Moderne ist demnach eine spezifische Form der Zivilisation.

Die historische Dimension der Modernisierung wurde heute durch eine internationale Dimension abgelöst: Die Globalisierung. Es entstand und entsteht eine Weltgesellschaft als evolutionär völlig neuartiges Phänomen.

Diese globale Welt ist durch vier Eigenschaften gekennzeichnet: die Vollentdeckung des Erdballs, die einheitliche Weltzeit (wir können jedes lokale Ereignis in Weltzeit und damit in andere Lokal­zeiten umrechnen), universalisierte Kommunikationsmedien (Telefon, Fax, Fernseher, Internet) sowie Interregionalität (alle Handlungen von Organisation in sämtlichen Bereichen sind heute weltweit verknüpft).

Moderne Bildungswelt

Die moderne Bildungswelt, wie wir sie kennen, entstand durch die Bildungsdynamik. Zur Erinne­rung: Diese ist keine Folge der besonderen Ausgangsbedingungen und Eigenschaften von Staaten, sondern sie wird durch ein übergreifendes, transnationales, kulturelles System herbei­geführt.

Aus der Bildungsdynamik entstand ein weltweit akzeptiertes Modell institutionalisierter Schulerziehung. Dieses Modell bündelt die Strukturmerkmale moderner Erziehungssysteme:

  • Es gibt klar ausdifferenzierte Rollen zwischen Lehrer und Schüler, die Schüler werden in Schulklassen zusammgefasst.
  • Der Staat reguliert (etwa durch Rahmenlehrpläne) die Schule.
  • Die Lehrerausbildung und Lehrertätigkeit ist professionalisiert.
  • Der administrative Gesamtrahmen wird staatlich finanziert und kontrolliert.
  • Es gibt Stufen und Zertifikate, die zum Aufstieg innerhalb des Bildungssystems bzw. zum Übertritt in die Berufswelt berechtigen.

Dieses Modell wird getragen, legitimiert und weiterentwickelt durch eine Weltentwicklungs- und -bildungsprogrammatik. Träger hierfür sind die vielen internationalen Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen. Ihre Experten verbreiten das Modell und sorgen für dessen Durchsetzung weltweit.

Panorama

Bildungsdynamik: Phänomene und Ursachen

Montag, 13. Dezember 2010 ·

Dies ist ein Beitrag des Blogthemas »Bildungsdynamik der modernen Welt«.

Die Bildungsdynamik der modernen Welt weist zwei Phänomene auf: das der Expansion und das der Konvergenz. Hierfür gibt es verschiedene Erklärungsansätze, die jedoch kaum zur Erklärung beitragen. Ursächlich für die Bildungsdynamik sind die so genannten »World Forces«.

Expansion (auch Explosion oder Revolution)

Das erste Phänomen der Bildungsdynamik, die Expansion (= Wachstum), ist das auffälligste.

Ein enormes Wachstum findet man beispielsweise bei der Schulbeteiligungsquote, die im vergangenen Jahrhundert weltweit stark gestiegen ist. Trotz unterschiedlicher Ausgangspunkte weisen alle Länder dieser Welt eine sehr ähnliche Dynamik auf. Während westeuropäische Staaten schon früh hohe Schulbeteiligungsquoten verzeichneten, haben die erst im Laufe des 20. Jahrhunderts unabhängig gewordenen Staaten nach ihrer Unabhängigkeit nachgezogen.

Ebenfalls eine Expansion erfuhren die Entwicklung nationaler Bildungsbehörden sowie die Entwicklung der wissenschaftlichen internationalen Nichtregierungsorgansiationen.

Konvergenz (auch Isomorphie)

Neben der Expansion ist auch die Konvergenz (= Gestaltenangleichung) beobachtbar.

Die Bildungssysteme gleichen sich hinsichtlich ihrer Organisation weltweit an. Der Stufenaufbau (Vorschule, Primarstufe, Sekundarstufe I und Sekundarstufe II) ist fast weltweit anzutreffen. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Im Fall von Kenia sind es beispielsweise die Geldgeber, die ein europäisches Schulsystem zur Bedingung für Investitionen gemacht haben.

Neben der Organisation gleichen sich schrittweise auch die Inhalte an, insbesondere in der Primarstufe. Der prozentuale Anteil unterschiedlicher Fächer an der Unterrichtszeit ist im interna­tionalen Vergleich sehr ähnlich. Es gibt kleine Abweichungen: So weisen die osteuropäischen Staaten einen im Vergleich höheren Anteil von Mathematik und Naturwissenschaften auf; dies geht auf Kosten der Gesellschaftswissenschaften.

Erklärungsansätze für die Bildungsdynamik

Für die beobachtete Phänomene gibt es sechs Erklärungsansätze.

Der erste Ansatz sieht einen Zusammenhang zwischen Bildungsentwicklung und wirtschaftlicher Entwicklung. Geleitet von dem Gedanken, dass Bildung zu besseren Verdienst- und Lebenschancen führt, ist jeder um eine bessere Bildung bemüht.

Der zweite Ansatz geht der Frage nach, ob die industriellen und postindustriellen Stufen nicht ein höheres Qualifikationsniveau erfordern. Es könnte auch möglich sein, dass Gesellschaften in postindustriellen Stufen so reich sind, dass sie Bildung als Konsum anbieten. Bildung wäre dadurch keine Notwendigkeit, sondern ein Selbstzweck.

Dass der Stand der politischen und gesellschaftlichen Modernisierung ursächlich für die Dynamik sei, das ist die Ausgangsbasis für den dritten Ansatz. Demokratische Gesellschaften bedürfen aus Sicht dieses Ansatzes eines höheren Maßes an Bildung. Zudem schaffen postindustrielle Gesellschaften Aufnahmeprüfungen, wie sie beispielsweise in Frankreich üblich sind. Dort gibt es für alles einen Wettbewerb, bei dem die Stellen vergeben werden. Es werden auch nur so viele Leute eingestellt, wie viele Plätze es gibt. Je egalitärer die Gesellschaft sei, desto rigider seien auch die Wettbewerbsprüfungen.

Ansatz Nummer 4 fragt, ob machtvolle und autoritäre Staaten eine stärke Bildungsexpansion auf­weisen, schließlich sind nationale Bildungssysteme für eine Staatenbildung ein sehr wichtiges Vehikel.

Der fünfte Ansatz beschäftigt sich mit dem positiven bzw. negativen Einfluss ethnischer Hetero­genität in der Bevölkerungszusammensetzung.

Der letzte Ansatz stellt die Frage, ob die Abhängigkeit von Staaten – sei sie kolonial oder ökono­misch bedingt – sich negativ auf die Bildungsexpansion auswirkt.

Der einzige Ansatz, der eine begrenzte positive Korrelation mit der Bildungsdynamik aufweist, ist derjenige mit Bezug auf die wirtschaftliche Entwicklung. Ein tatsächlicher Zusammenhang lässt sich aber mit einer Korrelation nicht nachweisen. Alle anderen Ansätze leisten statistisch betrachtet keinen nennenswerten Beitrag zur Erklärung der Bildungsdynamik.

»World Forces«

Wenn es also nicht die besonderen Ausgangsbedingungen und Eigenheiten der Länder sind, die die globalen Expansionsverläufe und ihre Konvergenz verursachen, was dann?

Weltweite Faktoren, die so genannten »World Forces«, sind für die Bildungsdynamik ausschlag­gebend. Sie bilden einen sich selbst generierenden und sich selbst tragenden Prozess. Die Welt stellt eine »single social system« dar, das den Rahmen der nationalen Institutionen vorgibt und sie durchdringt.

Dieses Weltsystem hat folgende Aspekte:

  • Entwicklungsideologie: Insbesondere internationale Organisationen pflegen eine Entwicklungs­ideologie.
  • internationale Bildungsprogrammatik: Die Nationalstaaten haben sich dadurch zu legitimieren, ob und inwieweit sie aktive Staatsbürger »schaffen«.
  • Fortschrittsmythos: In allen Ländern der Welt gibt es die Idee eines permanent notwendigen Fortschritts.
  • internationaler Wettbewerb: Alle Bildungssysteme unterliegen der beständigen Beobachtung, etwa durch PISA und andere Vergleichsstudien.

Panorama

Zulassungen für das Amt des Studienrats

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Die Daten für das Referendariat in Berlin sind draußen. Bei der 1. Auswahl zum Amt des Studienrates mit Beginn zum 1. Februar 2011 sind insgesamt 271 Bewerberinnen und Bewerber zugelassen worden. Fünfmal so viele haben sich beworben.

(PDF-Datei)

Panorama

Bildungsdynamik der modernen Welt

Montag, 6. Dezember 2010 ·

Dynamik ist ein aus den Naturwissenschaften stammender Begriff, der im 18. Jahrhundert in die Sozialwissenschaften übernommen wurde. Der Duden definiert sie als »Lehre vom Einfluss der Kräfte auf die Bewegungsvorgänge von Körpern«.

In der Vorlesung »Bildungsdynamik der modernen Welt« (WS 09/10) untersuchten wir Aussagen über Entwicklungsbeschleunigung von ganzen Erziehungs- und Bildungssystemen. Eine an sich ganz interessante Sache, die leider schwer verdaulich dargeboten wurde. Mit meinem Blog­lern­tagebuch habe ich damals die Inhalte durchdacht, strukturiert sowie für mich (und die Kommilito­nen, die irgendwann auf mein Blog stießen) den roten Faden herausgearbeitet. Mein Blogtagebuch veröffentliche ich nun hier leicht überarbeitet und um die Themen 10 bis 12 erweitert erneut, denn aus meiner Sicht sind die Inhalte zu interessant und zu relevant, als dass sie einfach nur im Archiv eines persönlichen Blogs untergehen sollten.

die Themen

  1. Phänomene und Ursachen der Bildungsdynamik
  2. Moderne (Bildungs)Welt
  3. Japans Öffnung
  4. Transnationale Bildungsprogrammatik (I)
    Mori Arinoris Brief und David Murrays Aussagen über den Stellenwert von Bildung für die gesellschaftliche Entwicklung
  5. Transnationale Bildungsprogrammatik (II)
    Grundsätze einer modernen Bildungsorganisation und die Makroorganisation
  6. Transnationale Bildungsprogrammatik (III)
    Über das Verhältnis Individuum-Erziehung-Nation-Nationale Gesellschaft-Fortschritt
  7. Neo-Institutionalismus
  8. Europäische Ursprünge
  9. Fortschritt
  10. Nachweis der Weltentwicklungs- und -bildungsprogrammatik
  11. Träger und Mechanismen globaler Dissemination
  12. Der Fall »Bologna«

Französisch

Le Robert Brio

Samstag, 20. November 2010

Vor rund dreieinhalb Jahren habe ich ein sehr gutes einsprachiges Französischwörterbuch gefunden. Es heißt »Le Robert Brio« und entstand unter Leitung der grande dame der franzö­sischen Lexikografie: Josette Rey-Debove. Nicht nur, dass – ganz subjektiv betrachtet – die Erklärungen verständlicher sind als im »Petit Robert«. Der Brio verfolgt auch ein gänzlich anderes Konzept, das ganz neue Perspektiven im französischen Wortschatz zeigt. Ich möchte dies an einem Auszug aus dem Vorwort verdeutlichen:

Ainsi, on nous enseignait que le mot indubitable venait du latin indubitabilis, information peu utile, alors que c’était le rapprochement entre indubitable et dubitatif qui éclairait ce mot en révélant un radical DUBIT-. Autrement dit, l’étymologie était abordée au mauvais niveau, puisque plus personne ne parlait les langues mortes et que la majorité des élèves ne les étudient plus ; en outre, le français était présenté comme une langue dépendante qui n’était explicable que par la « vraie » langue mère, le latin. Or cette langue à cas présente peu de ressemblance avec le grec, les langues germaniques, le francique, le celtique ot pénétré notre vocabulaire. Les enseignants d’autrefois faisaient référence aux langues anciennes qu’ils connaissaient, ne pouvant rien dire des autres. C’est ainsi que s’est renforcé le mythe de la langue française proche du latin ; la filiation ne suffit pas à la ressemblance et quand il y a ressemblance, il s’agit du bas latin (non enseigné) plutôt que du latin classique.
(Kursiver und halbfetter Druck im Original)

Ohne es über den grünen Klee zu loben: Ich bin auch heute noch hin und weg von dem Konzept. Denn man bekommt auch ohne großes morphologisches Hintergrundwissen einen tieferen Einblick in das Funktionieren der französischen Sprache.

Der Robert Brio kostet in Frankreich etwa 35 €. Für zirka 41 € gibt es ihn auch in der Berliner französischen Buchhandlung ZADIG.

Französisch

Toxic Corp.

Montag, 15. November 2010

Das Institut national de prévention et d’éducation pour la santé, das französische Pendant zur BZgA, hat einen hübschen Werbespot, der Jugendliche vom Rauchen abhalten soll: Toxic Corp.

Vous êtes jeunes, en bonne santé. Rejoignez Toxic Corp. et devenez fumeur de remplacement. Chaque année, 270 000 jeunes courageux et motivés sont prêts à absorber plus de 50 substances cancerigènes pour nous aider à soutenir nos bénéfices. Comme eux, saisissez cett chance. Et remplacez dès aujourd’hui l’un de nos fidèles fumeurs décédés.

Le tabac tue un fumeur sur deux. L’industrie du tabac compte sur vous pour les remplacer.

(Ihr seid jung und guter Gesundheit. Kommt zu Toxic Corp. und werdet Ersatzraucher! Jedes Jahr sind 270 000 mutige und motivierte Jugendliche bereit, 50 Krebs erregende Substanzen aufzunehmen, um unseren Gewinn zu unterstützen. Ergreift auch ihr eure Chance! Und ersetzt schon heute einen unserer treuen, verstorbenen Raucher.

Rauchen tötet jeden zweiten Raucher. Die Tabakindustrie zählt auf euch, um sie zu ersetzen.)

Geografie

Serious Game: Stop Disasters

Samstag, 13. November 2010 · , , ,

»Leben mit Naturkatastrophen« ist das verpflichtende Schwerpunktthema im Themenfeld »Asien – Extreme des Naturraums«. Die Schülerinnen und Schüler sollen dabei Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung darlegen. Von besonderem Interesse sind Erdbeben, Vulkanismus, Überschwem­mungen und Tsunamis.

In Klassen mit einem guten Englisch- oder Französischniveau, etwa beim bilingualen Erdkunde­unterricht, eignet sich für drei dieser Naturkatastrophen das Serious Game »Stop Disasters«. Es wird von den Vereinten Nationen im Rahmen der Internationalen Strategie zur Reduzierung von Katastrophen angeboten.

Bei jedem Szenario müssen Infrastruktur- (Wohngebäude, Hotels, Krankenhaus, Schule) und Schutzmaßnahmen ergriffen werden. Es werden Tipps genannt, etwa das es besser ist, ein Hotel entfernter vom Strand, auf erhöhtem Grund zu errichten, als direkt an der Küste, wo es vom Tsunami schwer getroffen würde. Darüber hinaus können durch »Upgrades« Evakuierungssysteme eingerichtet sowie für die Bewohner bzw. Hotelangestellten Fortbildungskurse angeordnet werden.

Hat man allen ein Dach über dem Kopf eingerichtet und erachtet seine Schutzmaßnahmen als ausreichend (oder ist vielleicht auch einfach nur das Geld alle), so kann man testen, ob man gut vorgesorgt hat. Per Klick, spätestens aber nach Ablauf von rund 20 Minuten, bricht die Katastrophe über einen herein. Und die Schadensbilanz wird gezogen.

Lehren

Klasse beim Gruppenpuzzle aufteilen

Montag, 8. November 2010

Beim Gruppenpuzzle, auch Jigsaw-Methode genannt, bearbeiten die Schülerinnen und Schüler zuerst in Expertengruppen unterschiedliches Material. Später treffen sich die verschiedenen Experten in Basisgruppen.

Rein organisatorisch entsteht mitunter das Problem, dass sich die Anzahl der Schülerinnen und Schüler nicht gut durch die Anzahl der Experten- und Basisgruppen teilen lässt. Abhilfe schafft folgende tabellarische Übersicht (PDF-Datei, A3-Format):

Damit nicht mehr als fünf Schüler in einer »Farbgruppe« (Expertengruppe) zusammenarbeiten, empfiehlt es sich, sie in Untergruppen zu trennen. Ein Trennungsvorschlag ist mit »|« dargestellt.

Bienvenue

Herzlich willkommen auf meinem Blog.

Hier gibt es Beiträge zu allgemeinen Schulthemen, aber auch zu meinen Unterrichtsfächern Geografie und Französisch.

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Themenbereiche: Französisch, Geografie, Lehren, Lernen, Panorama

Jahresarchiv: 2009, 2010, 2011, 2012, 2013, 2014

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