Monsieur Becker

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Träger und Mechanismen globaler Dissemination

Montag, 21. Februar 2011 ·

Dies ist ein Beitrag des Blogthemas »Bildungsdynamik der modernen Welt«.

Es gibt verschiedene Formen und Träger der weltweiten Ausbreitung, der Globalisierung. Für die Dissemination der Weltentwicklungs- und -bildungsprogrammatik hingegen spielen internationale Organisationen eine entscheidene Rolle.

Bevor wir auf die Rolle der internationalen Organisationen eingehen wollen, sei ein kurzer Überblick über Formen und Träger der Globalisierung in einer historisch orientierten Abfolge gestattet:

  1. Kulturbegegnungen jeglicher Art (auf gleicher Augenhöhe)
  2. Kriege und koloniale Expansion (bei Niederlage gab es immer eine tiefgreifende Reform des Bildungssystems im unterliegenden Staat)
  3. internationales Staaten-System: »Zwang«, »Imitation«, »normativer Druck«
  4. Referenzgesellschaften (lösen sich ab: in den 1970er Jahren war in Sachen Bildung Schweden Referenzgesellschaft, jetzt ist es eher Finnland)
  5. Reisen – Missionen – Netzwerke
  6. Personenzirkluation (Missionare, Händler, Studenten, Austausch, Stipendienprogramme)
  7. Expertenzirkulation
  8. internationale Regierungs- und Nichtregierungsorganisation: Vermittler bestimmter accounts, rules, ideologies

Rolle internationaler Organisationen

Internationale Organisationen spielen im Neo-Institutionalismus eine entscheidende Rolle. Einer These zufolge wurden die Referenzgesellschaften vom Handeln der internationalen Organisationen abgelöst.

Diese These untersuchte Colette Chabbott in ihrem Buch »Constructing education for development«. Ihre Kernidee: Bildung bzw. Erziehung entsteht nicht von selbst, sondern wird geschaffen. Chabbott untersuchte dazu Weltentwicklungskonferenzen und deren Ergebnisse. Sie kam zu dem Ergebnis, dass auf den Kongressen (soziale und kommunikative Treffen) Deklarationen erarbeitet und verabschiedet werden, die normative Regeln enthalten. Auf diese Weise wird die Weltbildungsprogrammatik aufgebaut.

Die Durchsetzung der Programmatiken erfolgt nach einem bestimmten Schema, das als Blaupause bezeichnet wird: »World Cultural Blueprints of Development«. Auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene gibt es Organisationen. Sie bilden ein mehrfach gestuftes, aber miteinander verbundenes System von Organisationen zur Weitergabe der Programmatik. Die Weitergabe erfolgt durch Konferenzen, Deklarationen und konkrete Handlungsprogramme (ideologies).

Die Grafik kann auf verschiedene Themen übertragen werden, etwa auf den Bologna-Prozess. Durch eine internationale Deklaration und verschiedene Nachfolgekonferenzen entstand, wie im folgenden Beitrag der Serie dargestellt wird, die »European Cultural Blueprint of Higher Education«.

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abgeschrieben

Freitag, 18. Februar 2011

Seit einigen Tagen steht die wissenschaftliche Leistung unseres Bundesverteidungsministers, des Freiherrn von und zu Guttenberg, in der Diskussion. Konkret wird ihm vorgeworfen, in seiner Dis­ser­tation an verschiedenen Stellen zum Teil mehrere Absätze umfassende Zitate nicht als solche kenntlich gemacht zu haben. Mittlerweile ist eine recht umfangreiche Liste an »zufällig« identi­schen und stark inhaltsgleichen Passagen zusammengekommen. Dieser Liste zufolge lassen sich auf 16 % der Seiten fragwürdige Stellen finden. Ob all diese Stellen tatsächlich Plagiate sind, ver­mag ich mangels vorliegender Dissertation nicht zu beurteilen. Doch schon die Auszüge, die die Süddeutsche Zeitung präsentiert, reichen meines Erachtens aus, um ihm die Doktorwürde zu ent­ziehen. Sie reichen nicht nur aus, sie gebieten diesen Schritt sogar.

Denn falls die Universität Bayreuth ihm den Doktortitel beließe, hätte sie meines Erachtens erheb­liche Probleme, bei ähnlichen Fällen gegen andere wissenschaftliche Übeltäter(innen) vorzugehen. Sie machte sich darüber hinaus in der Forschungslandschaft lächerlich und sorgte für einen Image­schaden bei all jenen, die schon vorher in Bayreuth promoviert haben: »Ach ja, Bayreuth. Da ist der Doktor ja leicht zu bekommen!«, hieße es dann vielleicht.

Auch setzte die Universität damit ein falsches gesellschaftliches Signal: Wenn Urheberrechts­verstöße in Doktorarbeiten geduldet würden (und das noch in der juristischen Fakultät!), wieso verfolgt man dann solche Vergehen bei DVD- und Musikkopierern oder bei nachgemachten Produkten aus China? Wie soll man als Lehrer dann gegen Schüler vorgehen, die von ihrem Nachbarn abschreiben, mitunter einschließlich der Rechtschreibfehler?

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Nachweis der Weltentwicklungs- und -bildungsprogrammatik

Montag, 14. Februar 2011 ·

Dies ist ein Beitrag des Blogthemas »Bildungsdynamik der modernen Welt«.

In ihrem Aufsatz »Educational ideology and the world educational revolution, 1950-1970« versuchen Fiala/Lanford, die faktische Expansion zwischen 1950 und 1970 in Beziehung mit der gleichzeitig globalen Diffusion der Weltbildungs- und Entwicklungsprogrammatik zu setzen.

Die Autoren haben drei Erwartungen:

  1. es existierte eine Weltentwicklungs- und -bildungsprogrammatik zwischen 1955 und 1965
  2. es gab eine Intensivierung der Programmatik zwischen 1955 und 1965
  3. Programmatik war für die Bildungsexpansion zwischen 1950 und 1970 verantwortlich

Thesen: Existenz und Intensivierung der Programmatik

Die Autoren analysieren Primärdaten (einzelstaatliche Bildungsprogramme und ähnliches), die von der Unesco zusammengestellt wurden. Sie formulieren 12 potenzielle bildungspolitische Ziele (etwa Rolle der Individuen, der Nationalstaaten, Staatsbürgerschaft, Fortschritt), die wie folgt gruppiert werden:

  • »developmental aims« (national development, economic development, individual personality development, loyality and patriotism; individual vocational development)
  • »other aims« (equality, democracy, world citizenship, political ideology, religion, local ties, elite training)

Bei der Untersuchung der Bildungsprogramme haben Fiala/Lanford festgestellt, dass die »develop­men­tal aims« deutlich stärker vertreten sind und darüber hinaus in dem Unter­suchungs­zeitraum zugenommen haben. Dies betrifft auch »equality« und »democracy«. »Local ties« und »elite training« sind hingegen zurückgegangen, sie scheinen aus der Programmatik verschwunden zu sein.

Die Zunahme von entwicklungsbezogenen Bildungszielen legt nah, dass sich auch die Welt­ent­wick­lungs- und -bildungsprogrammatik intensiviert hat, dass sie breiter diffundierte. Der Vergleich der verschiedenen staatlichen Programme untermauert die Existenz einer Welt­entwicklungs- und -bildungsprogrammatik.

These: Programmatik ursächlich für Expansion

Die Zunahme von entwicklungsbezogenen Bildungszielen legt nah, dass die Programmatik eine gewisse Rolle bei der Bildungsexpansion gespielt hat. Sie wirkte dabei deutlich stärker in der Tertiärstufe als in der Primar- oder Sekundarstufe.

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Ergebnis des Stimmbezirks 03905

Sonntag, 13. Februar 2011

Insgesamt haben 439 Personen im Abstimmungslokal 03905 abgestimmt, davon 98,9 % mit Ja. Die Abstimmungsbeteiligung lag (ohne Berücksichtigung der Briefwähler) bei 22,5 %.

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heute Volksentscheid

Sonntag, 13. Februar 2011

Am heutigen Sonntag findet in Berlin der Volksentscheid über die Offenlegung der Teilprivati­sierungs­verträge bei den Berliner Wasserbetrieben statt.

Bis einschließlich Freitag haben sich 6,3 % der 2 466 282 Stimmberechtigten einen Abstimmungs­schein ausstellen lassen, die meisten von ihnen haben bereits per Briefabstimmung abgestimmt. Dieser Wert ist vergleichsweise niedrig, sodass von einer ingesamt geringen Beteiligung ausge­gan­gen wird. Beim letzten Volksentscheid (»Pro Reli«) lag der Anteil der Briefabstimmenden an den Abstimmungsberechtigten vor der Wahl einen Prozentpunkt höher, insgesamt nahmen 29,2 % aller Abstimmungsberechtigten teil.

Um erfolgreich zu sein, muss die Mehrheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie zugleich mindestens 25 % der Stimmberechtigten zustimmen. Mehr als 616 570 Ja-Stimmen sind daher notwendig. Es bleibt abzuwarten, ob überhaupt so viel Ja- und Nein-Stimmen zusammenkommen.

Ich habe teilgenommen und erachte es auch als wichtig, zu Wahlen und Abstimmungen zu gehen. Wer noch unentschlossen ist, findet die amtlichen Informationen mit Pro- und Kontra-Argumenten zum Volksentscheid im Internetangebot der Landesabstimmungsleiterin.

Sollten Sie Ihre Abstimmungsbenachrichtigung verlegt haben, dürfen Sie selbstverständlich trotz­dem in Ihrem Abstimmungslokal abstimmen. Ihr Lokal finden Sie mit der Abstimmungs­lokalsuche. Bitte gehen Sie nicht einfach da hin, wo sie immer hingehen, denn zu einem Volks­entscheiden werden weit weniger Wahllokale eingerichtet als zu einer gewöhnlichen Wahl. Sie könnten also vor verschlossenen Türen stehen.

Wenn Sie sich einen Abstimmungsschein haben ausstellen lassen, aber noch nicht per Brief­ab­stim­mung abgestimmt haben, können Sie diesmal in jedem Berliner Abstimmungslokal Ihre Stimme abgeben.

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Fortschritt

Montag, 7. Februar 2011 ·

Dies ist ein Beitrag des Blogthemas »Bildungsdynamik der modernen Welt«.

Im Beitrag über die europäischen Ursprünge der Programmatik wurde bereits erwähnt, dass die Kernbegriffe Fortschritt, Nationalstaat und Individuum Ergebnisse der Uminterpretations­prozesse sind, bei denen ursprünglich christliche Inhalte säkularisiert wurden. In diesem Beitrag wird diese Entwicklung am Beispiel des Begriffs Fortschritt aufgezeigt.

Die Leitidee des Fortschritts entwickelte sich aus dem christlichen Heils- bzw. Erlösergedanken. Es gibt drei Phasen, die jeweils von einem eigenen Verständnis von Fortschritt geprägt sind: die heidnische Antike, das Mittelalter und die Moderne.

»Fortschritt« in der heidnischen Antike

Bereits früh kannte man den Begriff des »Progressus«, bezog ihn aber nur auf eng umgrenzte Sachverhalte.

Man betrachtet nur Änderungen von Vergangenheit zu Gegenwart und bezeichnete mit dem Terminus das Erreichen eines veränderten Zustandes. Ein konkretes Bewusstsein für zukünftige Fortsetzungen gab es nicht. Auch wurde der Begriff nicht für gesellschaftliche Veränderungen verwendet.

»Fortschritt« im christlich geprägten Mittelalter

Im Mittelalter gewann die christliche Theologie an Einfluss. Die Menschen lebten damals in dem Bewusstsein, dass sie in einem Endzeitalter und auf einen Endzeitpunkt hin leben. Sie erwarteten die Wiederkunft Jesu Christi, die als Parusie bezeichnet wird.

Das Jüngste Gericht hatte sich jedoch immer weiter verzögert. Mit der Parusie hatte man einen Begriff, der einerseits zeitlich gestreckt, andererseits aber erwartbar war. Doch der Zeitpunkt verschob sich immer weiter, was insbesondere für Intellektuelle (im Sinne von philosophisch und theologisch Geschulten) ein Problem darstellte. So entstand die Metaphorik des Zeitpfeils, der ein bestimmtes Ende hatte. Damit gab es ein auf den Zeitpunkt der Parusie hin bezogenes Fort­schritts­bewusstsein. Dieses Zeitbewusstsein erstreckte sich noch nicht auf innerweltliche Geschehen, sondern auf ein transhistorisches, auf ein außerhalb der Zeit liegendes.

Die Verzögerung der Parusie wurde im Mittelalter zuerst negativ interpretiert, das heißt, beklagt. Durch die Rationalisierung (Entzauberung) des Problems konnte die Verzögerung jedoch uminter­pretiert werden: In der Verlängerung der Zeit liegen nun Vorteile (positive Interpretation). Zum einen könne man nun ein Mehr an Erkenntnissen gewinnen, zum anderen sei die Zahl der poten­ziell Erlösten umso größer, je länger das Jüngste Gericht auf sich warten lässt. Die ausbleibende Parusie wird als Erfüllung empfunden, die Vergrößerung der zukünftig Erlösten als Gewinn uminterpretiert. Die Deutung gewinnt einen progressiven Oberton.

»Fortschritt« in der Moderne

Der Fortschrittsbegriff in der Moderne entwickelt sich aus einem Bruch heraus, der durch die beginnenden Naturwissenschaften verursacht wurde. Die Naturwissenschaften werden zu Leitsektoren, deren Erkenntnisfortschritte den ursprünglichen theologischen Erfahrungsraum einengen und zurückdrängen. Infolge der Lösung von der religiösen Herkunftsbedeutung weitet sich der Fortschrittsbegriff auf die Zukunft aus. Die offene Zukunft ist dabei positiv besetzt.

Eine charakteristische Umdeutung ist die folgende: Altsein war früher negativ besetzt. Im Zuge der Naturwissenschaften wird Gebrechlichkeit alter Menschen umgedeutet zu zunehmenden Sinn­gebrauch. Es gibt einen Zugewinn an Vernunft und Erkenntnis. Die Gegenwart sei der Vergangen­heit an Erfahrung und Urteil überlegen, wie ein älterer Mann einem Jüngling überlegen ist. Es kommt zum Sieg der Moderne, zur Verherrlichung der eigenen Gegenwart. Es herrschte die Vor­stellung, man brauche nur ein paar Naturgesetze und erreiche dann den Zustand der perfection. Durch den Marquis de Condorcet, der über die perfection hinausgeht und Vervollkommnung (perfectibilité) als Ziel bestimmt, wird Fortschritt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum Selbstzweck.

Zusammenfassung

Zu Beginn ist Fortschritt nur die Feststellung, dass Gegenwärtiges gegenüber Vergangenem verändert ist. Im Mittelalter entwickelt sich ein Zeitpfeil mit der Parusie als Ende. Die später einsetzende Dehnung in der Zeit wird erst negativ, dann aber zunehmend positiv gewertet. In der Moderne wird die Vorstellung von Zeit mit wissenschaftlichen Inhalten besetzt, der theologische Gehalt wird zurückgedrängt. Durch das Streben nach perfectibilité anstatt nach perfection gewinnt die zeitliche Vorstellung an Dynamisierung, der Zeitpfeil führt unendlich weiter.

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»Da können wir leider auch nichts mehr machen.«

Sonntag, 6. Februar 2011

Im Rahmen der Diskussion über den Bildungsföderalismus hat Peter Schwarzmüller kommentiert. Der Beitrag, der auch unter blogbildung.net abrufbar ist, enthält einen, wie ich finde, brisanten Passus. Ich möchte ihn hier diskutieren, da es eigentlich ein ganz anderes Thema ist:

2. Ungerechtigkeit: Sie hat Ihre Ursache nicht in der Schule, sondern in der Gesellschaft. Wer schon außerhalb der Schule und ganz besonders in den 6 Lebensjahren vor dem ersten Schulbesuch in der Erziehung benachteiligt ist, wird dann nicht von der Schule ungerecht behandelt, sondern wurde und wird von den eigenen Eltern ungerecht behan­delt.

Na da sind wir ja fein raus. Wenn das Kind zur Einschulung nicht mehr als drei Farben kennt und auch nicht auf einem Bein stehen kann, weil die Eltern es immer vor den Fernseher abgeschoben haben, dann brauchen wir jetzt nur noch zu sagen: »Da können wir leider auch nichts mehr machen.« Stempel rauf, gar nicht erst einschulen, das spart Kosten.

Nein, ganz ehrlich: Für mich ist es ein Verbrechen gegen die Menschenrechte des Kindes, dass wir uns in diesem Land erst ab dem sechsten Lebensjahr für seine Bildung interessieren. Eben weil nicht wenige Kinder zuhause, meist aufgrund finanzieller Schwierigkeiten, teils aber auch aufgrund elterlichen Desinteresses und Unvermögens nicht die Förderung erfahren, die sie verdient haben und die sie auch brauchen, befürworte ich das Recht auf einen kostenfrei Kinder­gartenplatz, von so früh an wie möglich. Auch eine Art Kindergartenpflicht die drei Lebensjahre vor dem Schulbeginn erachte ich für sinnvoll. Auf kindlichem Niveau werden Farben und Wochentage gelernt, es wird musiziert, gemalt, und gemeinsam (Miteinander muss man auch erst lernen) geht man natur­wis­sen­schaftlichen Alltagsphänomenen auf den Grund. Es muss nicht gleich eine Bienenstudie sein, aber wenn aufgrund von Elektrostatik Haare gegen die Schwerkraft zu einem Luftballon streben, ist das spannend und kann den Forschergeist wecken.

Sicherlich, irgendwo ist jeder seines Glückes Schmied. Doch auch ein Schmied hat eine Ausbildung. Und er hat vorher einiges ausprobiert, was ihm mal mehr und mal weniger viel Spaß gemacht hat.

Wenn es Elternhäuser heute nicht zu leisten vermögen, egal aus welchem Grund, ihr Kind »schul­tauglich« zu machen, können wir als Gesellschaft nicht die Hände in den Schoß legen und zugu­cken, wie die Laufbahn eines Kindes den Bach hinab geht, eh sie überhaupt begonnen hat. Wenn in dem Elternhaus kaum Deutsch gesprochen wird, muss die Gesellschaft das Kind bei der sprach­lichen Entwicklung unterstützen. Wir sollten schon deshalb das größte Interesse daran haben, die Kinder zu fördern, weil wir auch in Zukunft Leute brauchen, die arbeiten, forschen und tüfteln. Anders können wir unser Wohlstandsniveau gar nicht halten oder gar steigern.

Potenzialen müssen wir daher schon zeitlich vor, aber auch in der Schule sich entwickeln helfen. Und ganz klar müssen wir auch Ungerechtigkeiten in der Schule abbauen. Bei einer PISA-Erhebung IGLU-Studie wurden Lehrer und Eltern der teilnehmenden Primarschüler befragt, welchen Schul­empfehlung sie dem Kind aussprechen. Das Ergebnis: Um beispielsweise eine Gymnasial­empfeh­lung zu erhalten, muss ein »Arbeiterkind« deutlich mehr Leistung bringen, als ein Kind aus dem »bildungsnahen Eltern­haus«. Bei gleicher Leistung stellt der Lehrer das »Arbeiterkind« schlechter. Doch nicht nur der Lehrer, sondern auch die eigenen Eltern.

Für einen weiteren Grund, warum wir als Gesellschaft und Schule nicht nichts tun dürfen, möchte ich Mori Arinori zitieren: “What is spent on education will be saved a hundredfold in armies, and police, and courts of justice.”

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Vorlage zur Stimmenauszählung

Sonntag, 6. Februar 2011

Am kommenden Sonntag findet in Berlin der Volksentscheid über die Offenlegung der Teil­privati­sierungsverträge bei den Berliner Wasserbetrieben statt.

Seitdem ich wahlberechtigt bin, bin ich als Schriftführer im Wahlvorstand tätig. Stift, Zettel und Taschenrechner habe ich mit der Bundestagswahl 2009 durch mein Netbook ausgetauscht. In der OpenDocument-Datei (PDF) wird alles automatisch zusammengerechnet und auf Plausiblität überprüft. Etwa: Gibt es genauso viele Stimmzettel wie Stammabgabevermerke und Wahlschein­wähler zusammen?

Für den Volksentscheid habe ich wieder eine solche Datei angefertigt, auch wenn das Zusammen­rechnen von Ja und Nein nicht ganz so anspruchsvoll ist wie bei mehreren Kandidaten und Landeslisten.

Die gelb unterlegten Felder sind veränderbar, bei den restlichen Zellen kann der Tabellenschutz mit dem »Passwort« 123 aufgehoben werden.

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Bildungsföderlismus – ein Grundübel?!

Samstag, 5. Februar 2011 · ,

Damian Duchamps fordert, dass sich der Bildungsföderalismus zum Teufel scheren soll. Denn er sei, kurz zusammengefasst, neben veraltetem Unterricht (Punkt 1) und der Ungerechtigkeit, dass der gesellschaftliche Hintergrund die Schullaufbahn bestimmt (Punkt 2), eines der zentralen Probleme unseres Schulsystems. Oder richtiger: Unserer 16 Schulsysteme.

Ich poste hier meine Antwort, weil ich sie einen Blogbeitrag wert finde. Da mir nicht daran gelegen ist, einen Diskussionsnebenschauplatz zu eröffnen, habe ich die Kommentare hier deaktiviert und bitte um rege Diskussion bei Damian, wo sich mein Kommentar ebenfalls findet.

Hier nun mein Kommentar:

Ich persönlich sehe den Bildungsföderalismus nicht als eines der drei Grundübel des deutschen Bildungssystems. Wieso? Wie du richtig schreibst, garantiert »dessen Aufhebung […] keine automatische Verbesserung von Punkt eins und zwei«. Ich gehe sogar so weit und sage, dass es für die Schullaufbahn fast aller Schülerinnen und Schüler weder eine Verbesserung noch Verschlechterung bewirkt.

Das Bildungssystem ist und bleibt ein metaphorischer Öltanker, auch wenn es in der Hand des Bundes läge. Denn tiefgreifende Änderungen wirken frühestens, wenn die erste Schülergeneration durch ist. Das sind 12 Jahre. Oder je nach Land zwei bis drei Legislaturperioden. Viel zu lange, um für die nächste Wahl schon Erfolge vorzeigen zu können. Für den jeweiligen politischen Gegner ist das natürlich ein gefundenes Fressen, Versäumnisse und Untätigkeit vorzuwerfen. Natürlich muss die Opposition, sobald sie an die Macht kommt, selbst Zutaten in die Suppe kippen, um sich nicht den gleichen Vor­wür­fen auszusetzen. Und schon kochen die nächsten am Brei, mit zweifelhaftem Ergebnis. Ich glaube schon, dass Bildungspolitik die Wahlen beeinflusst. Doch wie so oft im Leben wird man für Negatives abgestraft, Positives wird als Selbstverständlichkeit erachtet. Soll heißen: Mit schlechter Bildungspolitik verliert man Wahlen, mit guter kann man hingegen keine Wahlen gewinnen.

Die Annahme, dass ein bundesweit einheitliches Schulsystem nicht ein Versuchsfeld würde, ist meines Erachtens illusorisch. Es gibt keinen guten Grund, warum die SPD auf Bundesebene im Gegensatz NRW nicht auch eine im Vergleich zur CDU/CSU andere Bildungspolitik betreiben sollte. Denn auch auf Bundesebene gibt es offensichtlich kein überparteiliches Interesse, nationale Aufgaben gemeinsam und ohne idiologische Grabenkämpfe zu lösen. Die »Reformen« am Gesundheits-, Steuer- und Rentensystem legen davon Zeugnis ab.

Selbst wenn es aufgrund einer Verkettung schier unendlich vieler glücklicher Zufälle gelänge, dass in alle Bundesländern das Bildungssystem der erfolgreichsten PISA-Teilnehmer eingeführt würde (egal ob in Eigenregie oder unter Federführung des Bun­des) hätten wir weiterhin ein großes Problem: Die Qualität des Unterrichts. Wenn der Erdkundelehrer drei der wertvollen Stunden lieber damit verbringt, einen ausführlichen Text über die chinesische Kulturrevolution zu diktieren und die Jahresdaten und Zusam­men­hänge im Test abzufragen, als systematisch einzuüben, wie man Karten und Dia­gram­me zu Bevölkerungsentwicklung, -verteilung und -dichte analysiert und vergleicht, sind Veränderungen am Bildungssystem unwirksam. Und leider gibt es nicht wenige Kolleginnen und Kollegen, die mit dem Argument »Das mache ich seit 20 Jahren so!« kommen. Dass man zwanzig Jahre lang auch etwas falsch machen kann, kommt ihnen gar nicht erst in den Sinn.

Bevor ich noch irrtümlicherweise als Verteidiger des Bildungsföderalismus gebrandmarkt werde, möchte ich betonen, dass ich eine Umverteilung der Gesetzgebungskompetenz in Sachen Bildung genauso befürworte wie du. Das Grundgesetz sollte hier zugunsten des Bundes geändert werden. Die Lage bessert sich allerdings nur für jene, die das Bundes­land wechseln. Mehr gewonnen hat man dadurch nicht.

Ich bin noch hin- und hergerissen, ob man nicht noch weiter gehen und einen Euro­pä­ischen Rahmen für die Schulbildung schaffen sollte. Mit gemeinsamen Bildungsstandards für die Doppeljahrgangsstufen 1/2, 3/4, 5/6, 7/8, 9/10 (Mittlerer Schulabschluss) und 11/12 (Abitur) sowie einer entsprechenden Anerkennung der Abschlüsse. Denn die Euro­päische Kommission hat sich zum Ziel gesetzt, die Mobilität innerhalb der EU zu fördern und aus Europa die innovativste und leistungsfähigste Volkswirtschaft der Erde zu machen.

Wie kann man das erreichen? Eine eigene Bildungspartei halte ich für einen denkbar schlechten Schritt. Das wäre wie die Piratenpartei, die nach anfänglichen Erfolgen irgendwie wieder in der Versenkung verschwunden ist. Meines Erachtens hätte man mehr für eine moderne Informationsgesellschaft erreicht, wenn es »Die Piraten in der CDU/SPD/FDP/LINKEN…« gegeben hätte. Eine Art überparteiliche Interessenvertretung, keine Konkurrenz zu den etablierten Parteien. Das Ganze bedarf dann einer enormen Lobbyarbeit, schließlich bekämpft auf diese Weise ja auch den allzu lukrativen Nachhilfe­markt.

Volksbegehren und Volksentscheide helfen auch nicht viel; sie existieren aufgrund un­se­rer geschichtlichen Erfahrung auf Bundesebene nicht. Ich erachte sie auch nicht als son­der­lich nützlich, denn was mir bisher in Berlin an Volksentscheiden untergekommen ist, hatte eher etwas mit Populismus denn mit Verstand zu tun.

Abwarten und Tee bringt uns hingegen auch nicht weiter. Bleibt meines Erachtens nur, an der Schraub »Unterricht« zu drehen: Sich als Lehrer stärker vernetzen. Individualisier­bares Unterrichtsmaterial leicht zugänglich machen, ebenso Lehrerfortbildungen und dazugehöriges Material. Damit es einem als Lehrkraft auch möglichst einfach gemacht wird, (fach)didaktische Neuerungen umzusetzen. Eine Reform der Lehrerbesoldung wäre dabei sicherlich auch angebracht.

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Europäische Ursprünge der Programmatik

Montag, 31. Januar 2011 ·

Dies ist ein Beitrag des Blogthemas »Bildungsdynamik der modernen Welt«.

Die transnationale Bildungs- und Entwicklungsprogrammatik hat europäische Ursprünge. Man spricht sogar von »The World Revolution of Westernization«. Der These zufolge ist die Programmatik ein Produkt der fortschreitenden Rationalisierungsprozesse der europäischen Neuzeit. Eine Folgerung der Rationalisierung, also der Entzauberung der Welt, ist die Säkularisierung (Umdeutung).

Die moderne westliche Welt entwickelte sich ausgehend von den christlichen Wurzeln. Früher war die politische und religiöse Ordnung noch viel stärker miteinander verbunden als heute. Der Prozess, der zu dieser Veränderung geführt hat, heißt Säkularisierung.

Säkularisierung sei zum ersten Mal nach dem Dreißigjährigen Krieg aufgetaucht. Zum Abschluss dieses mehrere Jahrzehnte dauernden Religionskriegs wurden die religiösen Institutionen in gewisser Weise enteignet. Der Staat emanzipiert sich immer stärker von den religiösen Vorgaben. Er beansprucht innerweltliche Souveränität und setzt damit den Religionskriegen ein Ende.

An dieser historischen Interpretation wird gezweifelt. Dieser Zweifel ist ein Beispiel für das Streben nach Rationalisierung, nach Entzauberung des Bisherigen. Der neuen Interpretation zufolge sei »Secularisatio« schon früher aufgetaucht und bezeichne den Übergang eines Ordensgeistlichen (an Ordensregeln gebunden) zu einem Weltgeistlichen (an weltliche Regeln gebunden). Von vorn­herein nimmt der Begriff diese Gegensatzbedeutung in sich auf. Der Übergang, also der Bruch mit dem Bisherigen, kann als Sattelzeit aufgefasst werden.

So selbstverständlich im Mittelalter ein christlich-religiöses Weltbild bestand, genauso selbst­verständlich leben wir heute in einem anderem, verweltlichten Weltbild.

Veranschaulichung des Säkularisierungsprozesses

Die sukzessive Transformation von Religiösem zu Weltlichem lässt sich sehr gut an folgendem Bild verdeutlichen: Moses erhält von Gott die Zehn Gebote auf zwei Gesetzestafeln.

Im Laufe der Jahrhunderte wird diese typische Form dieser zwei Gesetzestafel, allerdings ohne göttliche Figur, wiederverwendet. Das Symbol der Gesetzestafeln wird zum Ausdruck revolutionärer Ideen.

So zum Beispiel findet sich die zweigliedrige Tafel bei der Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen (Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte) wieder. Diese Rechte wurden von der schon weltlichem Assemblée nationale verabschiedet, aber zusätzlich noch vom König von Gottes Gnaden ausdrücklich akzeptiert.

Die Abbildung zeigt zwei Frauen: Links Francia mit Krone auf dem Kopf, die Ketten der Versklavung zerbrechend. Auf der anderen Seite den Engel als Zeichen der Vernunft, der einerseits mit der Hand auf die Regeln verweist, mit der anderen Hand auf ein Symbol der verweltlichten Göttlichkeit (Auge im Strahlendreieck). Das von dieser Göttlichkeit ausgehende Licht vertreibt die Wolken der Unkenntnis.

In dieser Erklärung werden die Zehn Gebote durch die Menschenrechte ersetzt. Neben den beiden Frauen als Symbol für Frankreich und für die Vernunft sowie neben dem Zeichen eines weltlichen höchsten Wesens gibt es in der Mitte ein Lektorenbündel als Zeichen des staatlichen Macht­anspruchs, der Einheitlichkeit/Unteilbarkeit. Die Lanze am oberen Ende des Bündels symbolisiert den gewaltsamen Aufstand, die militäre Gewalt des Staates. Diese Lanze wird abgeschlossen von einer phrygischen Haube, dem Zeichen für Freiheit.

Der zentrale Aspekt, der an dieser Darstellung deutlich werden soll: Die Zehn Gebote werden in die Menschenrechte umgedeutet. So wie die zweitafelige Darstellung säkularisiert wird, werden die neuen Inhalte durch sakrale Darstellung mit neuer Wertigkeit ausgestatt. Weltlicher Inhalt wird sakralisiert, es wird die quasireligiöse Funktion der Menschenrechte verdeutlicht.

Zwei weitere Beispiele der Säkularisierung

  • Auf dem Höhepunkt der französischen Revolution gibt es ein ähnliches Bild mit traditionellem Bildrahmen. Engel wird zu »Stärke und Tugend«. Inhalt sind die republikanischen »Zehn Gebote« (Dekalog).
  • Bei der Paulskirchenversammlung wurden Grundrechte des deutschen Volkes formuliert, mit sehr ähnlicher Symbolik.

Zusammenfassung

Der Prozess der Säkularisierung hat zu einer Entleerung ursprünglich religiös-theologischen Sinn­gehalts (mosaische Gesetzestafeln) geführt. Gleichzeitig wurde der Sinngehalt zu einem weltlichen Sinngehalt umgedeutet, der durch die Symbolik mit Würde versehen wird (Sakralisierung der neuen Inhalte).

Die gesamte Geschichte des europäischen Denkens sei eine Überführung von christlichen Anschau­ungen in die Denkformen der autonomen Vernunft. Das neue Geistesleben ist eine Säkularisierung des christlichen geistigen Gehaltes.

Entstehung von Kernbegriffen

Durch die Säkularisierung religiöser Inhalte sind die Kernbegriffe Fortschritt, Nationalstaat und Individuum in ihrer heutigen Bedeutung entstanden:

  • Aus dem christlichen Heils- bzw. Erlösergedanken entwickelte sich das Bestreben nach wirtschaftlich-sozialem Fortschritt. Wie sich diese Entwicklung vollzog, wird im kommenden Beitrag dargestellt.
  • Aus der Emanzipierung und Nationalisierung staatlicher Ordnung infolge der Entflechtung von politischer und religiöser Ordnung entstand der Nationalstaat.
  • Reformation und Gegenreformation wurden säkularisiert zur Individualisierung des Einzelnen, zum Individuum.

Bienvenue

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