Monsieur Becker

Panorama

wider die Empörung

Montag, 30. Dezember 2019

Was ist die in den Zehnerjahren maßgebliche gesellschaftliche Entwicklung? Für den Datenanalyst David Kriesel ist es der Aufstieg der Empörten. Sein Wunsch für die Zwanzigerjahre: »[I]ch möchte anregen, das wir für das jetzt kommende Jahrzehnt zu einer Kultur finden, in der es ungern gesehen wird, einfach nur alles Mögliche anzuprangern und in der es ganz umgekehrt bewundert wird, wenn man sich die Datenlage anguckt und sie sich gegenseitig präsentiert, mit seinem Kontrahenten, und sich dann zusammensetzt.«

Beim 36. Chaos Communication Congress des Chaos Computer Clubs präsentiert Kriesel in seinem Vortrag »BahnMining – Pünktlichkeit ist eine Zier« (hier das Video) die Ergebnisse seiner Untersuchung der Bahnpüntklichkeit. Methodisch sehr gut gemacht, reflektiert, immer fair im Umgang mit der Bahn.

Ein solches Vorgehen ist in der öffentlichen Diskussion heute rar. Am Ende seines Vortrages (ab Minute 46:30), seinem letzten in diesem Jahrzehnt, wird Kriesel daher grundsätzlich:

Ich wünsche mir, dass jeder kurz darüber nachdenkt, was für ihn in diesem Jahrzehnt die maßgebliche gesellschaftliche Entwicklung war.
[…]
Für mich ist es der Aufstieg der Empörten. Und damit meine ich ausdrücklich jede politische Richtung. Ich habe in diesem Jahrzehnt tausend Mal an jeder Ecke gehört, wie wichtig heutzutage technische, naturwissenschaftliche und analytische Skills seien, angeblich. Mit anderen Worten: Rationalität. Und auf der anderen Seite aber reicht es heute im öffentlichen Diskurs als Totschlagsargument [sic!], wenn jemand empört ist. Und ich finde das paradox. Das ist das Gegenteil von Rationalität. Man kann nicht beides gleichzeitig propagieren. Und ich möchte anregen, das wir für das jetzt kommende Jahrzehnt zu einer Kultur finden, in der es ungern gesehen wird, einfach nur alles Mögliche anzuprangern und in der es ganz umgekehrt bewundert wird, wenn man sich die Datenlage anguckt und sie sich gegenseitig präsentiert, mit seinem Kontrahenten, und sich dann zusammensetzt.
Und wer soll das starten, wenn nicht wir hier.
Verlassen wir uns nicht auf die Medien, denn die leben vom Aufruhr, auch wenn es positive Gegenbeispiele gibt. Verlassen wir uns nicht auf irgendwelche Stars, die leben von Likes und die kriegt man am besten durch Zuspitzung. In der Regel sind die Teil des Problems. Verlassen wir uns nicht auf Politiker, die achten wegen der Shitstormkultur nur noch darauf, bis zur nächsten Wahl nicht anzuecken und zu viele von denen haben ohnehin niemals außerhalb der Politik gearbeitet, was soll da schon kommen.
Und das ist der Grund, warum ich das hier mache. Ich versuche euch zu inspirieren, eure eigenen Analysen zu strittigen Themen anzustellen, denn in meinen letzten Vorträgen, meinen beiden hier, habt ihr ein paar Instinkte davon bekommen, wie das geht, und ich hoffe, ich habe euch bewiesen, dass das absolut keine Raketenwissenschaft ist.
Und ich frage nochmal: Wer soll das machen, wenn nicht wir hier.
Wenn wir es gemeinsam schaffen, dass wenigstens manche, die heute echt nichts Besseres zu tun haben, als sich im Internet zu empören, im nächsten Jahrzehnt zur engagierten Analyse übergehen und dabei auch anerkennen, wenn was rauskommt, was sie vorher nicht gedacht hätten, dann haben wir gesellschaftlich unglaublich viel gewonnen.

Es ist in der Tat sehr wünschenswert, dass wir zu einem gesunden öffentlichen Diskurs zurückfinden. Kein Klickbaiting, kein Aufpeitschen willfähriger Massen, kein Lügen und Manipulieren à la Donald Trump und Boris Johnson.