Monsieur Becker

Panorama

So funktioniert Propaganda wirklich.

Mittwoch, 31. Dezember 2025

Über einen Tröt von Marina Weisband bin ich auf ein Video gestoßen, in dem ein Russe darüber berichtet, wie Propaganda wirklich funktioniert.

Für mich sind die wichtigsten Punkte aus den fast 10 Minuten die folgenden:

Ich kenne das beschriebene Gefühl gut und stelle beispielsweise fest, dass ich in den letzten Jahren meinen Nachrichtenkonsum schrittweise reduziert habe, da ich das „Trump sagt dies“, „Trump behauptet jenes“, „Trump fordert …“, der Großteil davon inhaltsleer und erlogen, nicht mehr ausgehalten habe.

Nun im neu gewonnenen Bewusstsein, dass eben dies Propaganda ist und dass sie bei mir ihr Wirkung entfaltet, muss ich mir für 2026 etwas einfallen lassen.

Transkript

Ein Transkript zum Video findet ihr hier. Ich veröffentliche die Übersetzung hier auf Deutsch (die Arbeit hat fast vollständig Deepl geleistet), um den Inhalt zu archivieren und abrufbar zu halten.

Ich bin Russe. Ich bin in Russland aufgewachsen. Und wenn Menschen im Westen über Propaganda sprechen, verstehe ich in der Regel die Theorie, die sie beschreiben. Aber emotional fühlt es sich fremd an, weil das, was sie sich vorstellen, sehr klar und sehr filmisch ist.

Jemand lügt. Jemand glaubt die Lüge. Ende der Geschichte.

Das ist beruhigend, weil es suggeriert, dass es einen eindeutigen Bösewicht und ein eindeutiges Opfer gibt. Echte Propaganda ist chaotischer, langweiliger, menschlicher.

Lange Zeit dachte ich, Propaganda sei etwas, das nur bei Menschen wirkt, die nicht besonders intelligent sind. Das habe ich wirklich geglaubt. Ich dachte, ich würde erkennen, wenn etwas Unsinn ist. Ich kann Manipulation erkennen. Ich bin kein Kind.

Und genau dieser Glaube ist es, auf den Propaganda setzt. Denn Propaganda muss einen nicht dumm machen. Sie muss einen nur müde machen. Wenn man in ihr lebt, kommt Propaganda nicht als Ereignis daher. Es gibt keinen Moment, in dem man sagt: „Ah, ja, jetzt hat die Propaganda begonnen.“ Sie ist einfach Teil der Umgebung, wie Feuchtigkeit, wie Hintergrundgeräusche, die man nicht bewusst wahrnimmt, die aber dennoch beeinflussen, wie man sich fühlt. Es ist der Fernseher, der in der Wohnung eines anderen immer läuft.

Ich erinnere mich an ein bestimmtes Gespräch, das etwas in mir ein wenig zerstört hat. Ich unterhielt mich mit jemandem, den ich flüchtig kannte, kein enger Freund. Wir diskutierten über etwas, das wir beide in den Nachrichten gehört hatten. Ich wies ganz ruhig darauf hin, dass das, was er wiederholte, im Widerspruch zu dem stand, was vor kurzem gesagt worden war. Ich gab sogar ein Beispiel. Er hörte zu, nickte und sagte dann fast beiläufig: „Nun, du weißt ja, wie das ist. Alles ist kompliziert.“ Und das war’s. Keine Auseinandersetzung, keine Spannung, nur ein sanftes Ausklinken aus der Realität.

In diesem Moment wurde mir klar, dass es kein Gespräch geben würde. Nicht weil er aggressiv oder ideologisch war, sondern weil die Idee der Kohärenz an sich keine Rolle mehr spielte. Konsistenz wurde nicht erwartet.

Dann beginnt Propaganda ihre eigentliche Arbeit. Nicht wenn man sie glaubt, sondern wenn man überhaupt aufhört, Wahrheit zu erwarten.

In westlichen Diskussionen wird oft angenommen, dass das Ziel von Propaganda Loyalität, Flaggen, Leidenschaft und Glaube sind. Das ist manchmal sicher der Fall, aber es ist nicht notwendig. Eine Bevölkerung, die desinteressiert, zynisch und emotional erschöpft ist, lässt sich viel leichter kontrollieren als eine, die wütend und neugierig ist.

Die Propaganda überwältigt dich, bis dein Gehirn stillschweigend entscheidet, dass dieses Thema zu aufwendig ist, um es richtig zu verarbeiten. Ich erinnere mich an Morgen, an denen ich aufwachte, mein Handy öffnete, eine weitere schwere Schlagzeile sah und einen körperlichen Widerstand verspürte. Keine Angst, keine Verleugnung, nur Widerstand. Als würde mein Körper sagen: „Wenn du das jetzt zulässt, ist dein ganzer Tag ruiniert.“ Also scrollte ich daran vorbei. Nicht weil ich es vergessen hatte, sondern weil ich funktionsfähig bleiben wollte.

Das ist der Teil, den die Leute oft missverstehen. Sie denken, etwas zu ignorieren bedeutet, dass es einem egal ist. In Wirklichkeit ist Ignorieren oft ein Zeichen dafür, dass man sich zu sehr kümmert. Wenn man keine Macht hat, hält das Leben nicht inne, nur weil die Nachrichten schrecklich sind. Man muss trotzdem arbeiten. Man braucht trotzdem Geld. Man muss trotzdem mit Menschen interagieren. Emotionaler Zusammenbruch ist ein Luxus, den sich die meisten Menschen im Alltag nicht leisten können.

Propaganda lehrt einen also eine Gewohnheit. Keine Überzeugung, sondern eine Gewohnheit. Selektive Aufmerksamkeit. Mit der Zeit lernt man, welche Themen einen erschöpfen, welche Gespräche einen leer zurücklassen, welche Gedanken sich zu sehr im Kreis drehen. Und ohne sich jemals bewusst dafür zu entscheiden, beginnt man, sie zu vermeiden. Der Finger scrollt schneller. Die Antworten werden kürzer. Die Neugierde schwindet.

Eine weitere wichtige Sache ist, dass Propaganda nicht gut lügen muss. Je ungeschickter die Lüge, desto besser. Wenn Lügen offensichtlich sind, passiert etwas Interessantes. Man hört auf, nicht nur der Botschaft zu vertrauen, sondern der gesamten Idee der Wahrheit im öffentlichen Raum. Worte sind keine Bedeutungsträger mehr, sondern werden zu Signalen, Geräuschen, Atmosphäre. Man fragt nicht: „Ist das wahr?“, sondern: „Warum sagen sie das gerade jetzt?“ Und irgendwann erscheint sogar das als zu große Anstrengung.

Ich erinnere mich, wie ich mit meinen Eltern zusammensaß, während im Hintergrund die Nachrichten liefen. Sie liefen immer, nicht weil sich jemand besonders dafür interessierte, sondern weil Stille seltsam wirkte. Irgendwann sagte der Moderator etwas so Absurdes, dass ich lachen musste. Ich machte eine sarkastische Bemerkung. Mein Vater reagierte überhaupt nicht. Er verteidigte es nicht. Er diskutierte nicht. Er sagte nur: „Warum schenkst du dem Aufmerksamkeit?“

Diese Frage traf mich härter als jede Aussage. Warum schenkte ich dem Aufmerksamkeit? Propaganda lehrt dich, dass es sinnlos ist, aufmerksam zu sein, dass es kindisch ist, sich zu sehr zu kümmern, dass es naiv ist, zu versuchen, sich ein klares Bild von der Realität zu machen. Man wird leider dazu erzogen zu glauben, dass Distanz die klügste Vorgehensweise ist. Mit der Zeit verändert dies die Art und Weise, wie man spricht. Die Menschen hören auf, klare Aussagen zu machen. Die Sprache wird indirekter, weicher, sicherer. Man verwendet Witze statt Klarheit. Man verwendet Ironie statt Aufrichtigkeit. Man sagt „weißt du“ statt den Gedanken zu Ende zu bringen. Man sagt „all diese Dinge“ statt etwas Konkretes zu benennen.

Ich habe das bei mir selbst bemerkt. Ich beginne einen Satz, merke, wohin er führt, und verwische ihn instinktiv. Nicht aus Angst im dramatischen Sinne, sondern aus Gewohnheit, aus Kalkül. Warum etwas klar aussprechen, wenn es nicht hilft und vielleicht sogar schadet? Klarheit wird zu etwas, das man sich für sehr private Momente aufhebt, wenn überhaupt.

Ein weiterer Mythos ist, dass Menschen, die in der Propaganda arbeiten, nicht wissen, dass sie falsch ist. Die meisten Menschen, die ich kannte, verstanden zumindest auf einer gewissen Ebene, dass vieles, was sie hörten, Unsinn war. Das machte sie jedoch nicht immun. Zu wissen, dass etwas falsch ist, schützt einen nicht, wenn es dennoch das Umfeld prägt, in dem man lebt. Wenn alle um einen herum von denselben Gerüchten, denselben Widersprüchen, denselben Ausflüchten beeinflusst sind, ändert sich an der persönlichen Wahrnehmung nicht viel. Man muss immer noch innerhalb dieses Systems agieren.

Propaganda trainiert einen auch langsam darin, an sich selbst zu zweifeln, nicht auf dramatische, existenzielle Weise. In kleinen praktischen Momenten liest man etwas Beunruhigendes und verspürt sofort den Drang, es abzuschwächen, Kontext hinzuzufügen, zu sagen: „Nun, vielleicht ist es nicht so einfach.“ Nicht weil man es unterstützt, sondern weil starke Emotionen sich gefährlich und übertrieben anfühlen, als würden sie Handlungen verlangen, die man nicht ausführen kann

Ich habe mich dabei ertappt und es hat mir Angst gemacht. Ich hatte etwas wirklich Schreckliches gelesen. Und statt Wut zu empfinden, verspürte ich eine Art inneren Druck, es zu neutralisieren, auszugleichen, weiterzumachen. Mein Gehirn schützte nicht den Staat, sondern mich vor einer Überlastung.

Propaganda sagt dir nicht, was du denken sollst. Sie lehrt dich, nicht zu viel zu fühlen.

Noch etwas Wichtiges: Propaganda isoliert einen nicht von der Realität. Sie überflutet einen mit verschiedenen Versionen der Realität, bis man keiner mehr traut. Das Ergebnis ist kein blindes Vertrauen, sondern Distanziertheit. Das öffentliche Leben erscheint einem unwirklich, unzuverlässig, emotional nicht investitionswürdig. Man zieht sich in eine kleinere private Welt zurück, in der die Dinge Sinn ergeben. Arbeit, Freunde, Alltagsroutinen, persönliche Probleme. Von außen sieht das wie Apathie aus. Von innen fühlt es sich wie Überleben an.

Einer der seltsamsten Aspekte ist, wie normal alles bleibt. Man kann unter ständiger Propaganda leben und trotzdem aufrichtig lieben. Sich trotzdem verlieben, sich trotzdem über Unsinn streiten, sich trotzdem über Kleinigkeiten sorgen. Das Leben wird nicht zu einer Tragödie. Es wird dünner. Einige Farben verblassen, einige Emotionen werden flacher. Ich erinnere mich, wie ich einmal in einem Café saß und auf meinem Handy scrollte. Ich las etwas Schweres. Ich spürte diese vertraute Enge in meiner Brust und wechselte dann fast sofort zu einem Meme und lachte. Der Übergang war nahtlos. Keine Schuldgefühle, kein Schock. Das machte mir mehr Angst als die Nachrichten.

Propaganda liebt das. Sie will nicht, dass Sie empört sind. Empörung ist unbeständig. Sie will, dass Sie sich zurückziehen, schweigen und so tun, als wäre nichts geschehen, obwohl etwas geschehen ist. Irgendwann hören Sie auf zu diskutieren. Nicht weil Sie zustimmen, sondern weil Diskussionen sinnlos erscheinen, fast schon peinlich, als würde man versuchen, mit schlechtem Wetter zu argumentieren. Sie hören auf zu sagen, dass etwas falsch ist. Sie fangen an zu sagen: „Ich weiß es nicht.“ Sie hören auf zu sagen, dass dies eine Lüge ist. Sie fangen an zu sagen: „Wer weiß schon, was wirklich vor sich geht.“ Sie verteidigen die Wahrheit nicht. Sie ziehen sich von ihr zurück.

So funktioniert Propaganda wirklich. Sie macht Sie nicht zu einem Fanatiker. Sie macht Sie zu jemandem, der einfach nur den Tag überstehen will, ohne emotional von Dingen zerstört zu werden, die er nicht ändern kann. Und das Beunruhigendste daran ist, dass sich das von innen heraus vernünftig, reif, sogar ruhig und ausgeglichen anfühlt. Erst später, wenn man diese Umgebung verlässt, merkt man, was sie einem angetan hat, wie vorsichtig man in seiner Sprache geworden ist, wie automatisch man bestimmte Themen vermeidet, wie sich Schweigen normal, sogar beruhigend anfühlt.

Das ist mir aufgefallen, nachdem ich gegangen war. In Gesprächen, in denen die Leute offen und direkt redeten, fühlte ich mich bloßgestellt, fast unsicher. Nicht, weil sie aggressiv waren, sondern weil mir diese Klarheit einfach ungewohnt war. Manche Gewohnheiten verschwinden nicht so schnell. Ich sage das nicht, um moralische Überlegenheit zu behaupten. Ich beschuldige niemanden. Ich sage nicht, dass ich besser damit umgegangen bin als andere. Das bin ich nicht.

Ich sage das, weil die westliche Vorstellung von Propaganda als einfacher Gehirnwäsche zwar beruhigend, aber falsch ist. Sie lässt einen glauben, dass man sicher ist, solange man klug ist. Die Realität ist leiser, psychologischer, menschlicher. Propaganda schreit einen nicht an, bis man sie glaubt. Sie redet, bis man zu müde ist, um sich noch darum zu kümmern. Und deshalb funktioniert sie.

Panorama

#DUTgemacht Oktober: Dropbox adé

Sonntag, 5. Oktober 2025

Am heutigen ersten Sonntag im Monat findet wieder der von Marc-Uwe Kling ausgerufene „Digital Independence Day“ (DID) bzw. der „digitale Unabhängigkeitstag“ (DUT) statt. Mehr dazu hier.

Diesen Monat habe ich die Zeit genutzt, um auf meinem Weg, Dropbox adieu zu sagen, voranzukommen. Die allermeisten Dateien sichere ich im Sinne der 3-2-1-Backup-Strategie auf Filen. Die Dropbox nutze ich aktuell nur noch, um Dateien zwischen meinem Smartphone und meinem PC zu synchronisieren. Doch dafür benötige ich aber kein 2-TB-Abonnement.

Daher: Abo gekündigt (es läuft im Januar aus) und einen Großteil der Dateien aus der Dropbox gelöscht. Es ist nur noch das übrig, was „wirklich nötig“ ist, etwa die Synchronisation meines Download-Ordners und der jüngsten Bilder. Irgendwann soll Filen auch das synchronisieren können, dann kann ich mein Dropbox-Konto komplett löschen. Insofern ist das diesmonatige #DUTgemacht bzw. #iDIDit nur ein Zwischenschritt, aber ich bin auf dem Weg.

Panorama

#DUTgemacht September: ein Überblick

Sonntag, 7. September 2025

Am heutigen ersten Sonntag im Monat ist wieder der von Marc-Uwe Kling ausgerufene „Digital Independence Day“ (DID) bzw. der „digitale Unabhängigkeitstag“ (DUT). Mehr dazu hier.

Diesen Monat möchte ich eine kurze Bestandsaufnahme machen, wie weit (oder auch nicht) ich schon bin. Die folgenden drei Zeichen fassen den jeweiligen Status zusammen:

Übersicht

nicht mehrstattdessen
Amazon (Bücher)Buchhandlung um die Ecke, zu finden etwa bei genialokal.de. Bestellung aber immer direkt in der Buchhandlung, nicht über die Plattform.
DoodleNuudel: Terminfindungstool.
Google AuthenticatorProton Authenticator: Erst vor kurzem gewechselt und die Google-App deinstalliert.
Google KalenderPosteo: Tatsächlich nutze ich für den Kalender Posteo erst seit kurzem.
Google MailPosteo: Schon seit sehr langer Zeit.
Google MapsOpenStreetMap und Organic Maps: Zugegeben, gerade im Ausland ist die Suche, insbesondere bei ÖPNV-Verbin­dungen, mit Google Maps noch nicht ersetzbar. In allen anderen Fällen nutze ich jedoch primär OpenStreetMap im Browser bzw. die App Organic Maps. Manchmal nutze ich die App StreetComplete, um zu OpenStreetMap beizutragen.
Google Notizen (Google Keep)✅/➖Notesnook: Eigene Notizen sind schon vollständig hierher umgezogen; mit anderen Nutzer:innen kann man allerdings noch keine Notizen gemeinsam schreiben.
InstagramIch bin mit Instagram nie warm geworden. Daher war es kein Problem, den Account und die App einfach zu löschen.
Microsoft AuthenticatorProton Authenticator: Just in diesem Monat geändert und die Microsoft-App deinstalliert.
Microsoft ExcelLibreOffice Calc (siehe unten bei Microsoft Word bzw. LibreOffice Writer)
Microsoft OutlookThunderbird: Nutze ich auch schon sehr lange.
Microsoft PowerPointMit LibreOffice Impress werde ich derzeit nicht warm, mit dem neuen Geo-RLP bzw. einem neuen Französischlehrbuch werde ich jedoch nochmal einen neuen Anlauf unternehmen. PowerPoint nutze ich nicht mehr im Rahmen von Office365, sondern als Kaufversion.
Microsoft WindowsAuf einem meiner zwei Geräte läuft jetzt Linux Mint (Mehr dazu hier.)
Microsoft WordLibreOffice Writer: Vor über 20 Jahren habe ich mit OpenOffice.org begonnen, dann bin ich um 2010/2011 zu LibreOffice gewechselt.
DropboxFilen.io
Twitter/XMastodon
WhatsAppSignal und Threema: Es gibt noch einige Kolleg:innen, insbesondere aus Frankreich, die ausschließlich WhatsApp nutzen.

Weitere Ideen unter anderem unter europea-alternatives.eu, goeuropean.org oder Kuketz-Blog.

Französisch & Panorama

frz. Datum in LibreOffice Calc

Freitag, 29. August 2025

Ich stelle meinen Klassen seit einigen Jahren im IServ-Textemodul einen Arbeitsplan bereit. Darin notiere ich, was wir im Unterricht gemacht haben, wo man ggf. nochmal etwas nachschlagen kann und wann welche Formen von Leistungsüberprüfung angesetzt sind. Diese Informationen sind anfänglich überwiegend auf Deutsch, später auf Französisch. Immer auf Französisch ist das Datum. Ich schreibe es sowohl so, wie man es „normalerweiser“ schreibt (lundi 8 septembre 2025) sowie mit ausgesprochenen Zahlen (huit septembre deux-mille-vingt-cinq). Zahlen sind in der Fremdsprache häufig angstbesetzt (Französisch UND Mathe?!?!), daher sollen sie einfach immer wieder en passant vorkommen.

Früher hatte ich die Daten immer händisch notiert, im letzten Jahr hatte ich eine KI ausprobiert, die das auch passabel hinbekam. Aber es muss auch einen einfacheren Weg geben. Daher LibreOffice Calc ausprobiert und das ging erstaunlich einfach. Und zwar so: In Zelle A1 habe ich das Datum notiert, etwa 08.09.2025. In Zelle A2 soll mittels einer Formel dann das Datum in dem gewünschten Format erscheinen, also „lundi 8 septembre 2025 (huit septembre deux-mille-vingt-cinq)“.

Als erstes habe ich die Sprache der Zellen auf „Französisch (Frankreich)“ gesetzt, denn sonst werden die Namen der Wochentage, Monate oder der Zahlen nicht auf Französisch ausgegeben.

Monatserster oder nicht

Die Formel in Zelle A2 beginnt mit einer WENN-Funktion. Denn im Französischen wird beim Monatsersten die Ordnungszahl (1ᵉʳ – premier) verwendet, sonst die Grundzahl. Die WENN-Funktion fragt daher mithilfe der TAG-Funktion ab, ob der Wochentag in Zelle A1 (TAG(A1)) größer als 1 und somit nicht der Monatserste ist: =WENN(TAG(A1)>1;[das passiert, wenn das Ergebnis größer als 1 ist];[das passiert am Monatsersten]).

Verketten

In beiden Fällen gibt es dann eine VERKETTEN-Funktion, die die verschiedenen Elemente des Datums zusammensetzt. Immer wieder wird dabei der Wert des Zellenfeldes A1, also das Datum durch verschiedene Funktionen aufgerufen, aber unterschiedlich ausgegeben. Zwischen den einzelnen Funktionen muss bei VERKETTEN ein Semikolon (;) gesetzt werden. Man kann auch Text einfügen, etwa mit " " ein Leerzeichen. Auch dies wird mit einem Semikolon von anderen Texten bzw. Funktionen getrennt.

kurzes Datum

Die Funktionen für das kurze Datum sind folgende:

In der VERKETTEN-Funktion für den Monatsersten gebe ich die Zahl des Tages nicht mit TEXT(A1;"d") an, sondern mit " 1ᵉʳ ".

Für das kurze Datum (lundi 8 septembre 2025) haben wir also bisher die folgende Funktion: =WENN(TAG(A1)>1;VERKETTEN(TEXT(A1;"dddd");" ";TEXT(A1;"d");" ";TEXT(A1;"mmmm");" ";JAHR(A1));VERKETTEN(TEXT(A1;"dddd");" 1ᵉʳ ";TEXT(A1;"mmmm");" ";JAHR(A1))). Die zweite VERKETTEN-Funktion steht für den Monatsersten, die erste für alle anderen Tage.

langes Datum

Für das lange Datum (huit septembre deux-mille-vingt-cinq) werden die gleichen Funktionen verwendet, aber andere Zahlencodes:

Oben wurde gezeigt, dass die längere Datumsvariante eingeklammert werden soll. Dies erreicht man mit den Elementen " (" und " )", die ebenfalls durch Semikola abgetrennt sind.

die Fomel in Gänze

Alles zusammen führt dann zu dieser Formel in der Zelle A2:

=WENN(TAG(A1)>1;VERKETTEN(TEXT(A1;"dddd");" ";TEXT(A1;"d");" ";TEXT(A1;"mmmm");" ";JAHR(A1);" (";TEXT(TAG(A1);"[natnum12]0");" ";TEXT(A1;"mmmm");" ";TEXT(JAHR(A1);"[natnum12]0");")");VERKETTEN(TEXT(A1;"dddd");" 1ᵉʳ ";TEXT(A1;"mmmm");" ";JAHR(A1);" (premier ";(TEXT(A1;"mmmm"));" ";TEXT(JAHR(A1);"[natnum12]0");")"))

Wieso habe ich bis hierhin gelesen?

Zugegeben: Der Post ist ziemlich speziell. Wie viele Menschen werden ein ausgeschriebenes Datum mit einem Tabellenkalkulationsprogramm erstellen wollen? Der Post soll jedoch erstens aufzeigen, dass sich auch sonderliche Dinge mit Funktionen in LibreOffice Calc bzw. Excel umsetzen lassen. Und zweitens soll er Lust darauf machen, die große weite Welt der Funktionen kennenzulernen. WENN, VERKETTEN, TAG, MONAT und JAHR kannte ich bereits vorher, neu war für mich aber TEXT mit seinen mannigfaltigen Zahlencodes.

Panorama

#DUTgemacht August: Linux

Montag, 25. August 2025

Bei Kubiwahn bin ich auf ein Video von Marc-Uwe Kling gestoßen, der jeden ersten Sonntag im Monat zum „Digital Independence Day“ (DID), also zum „digitalen Unabhängigkeitstag“ (DUT), ausruft. Kurz gesagt geht es um #Demilliardärisierung, #deGoogle, #deMeta, #unplugTrump und wie die Hashtags alle heißen. Kling schlägt vor, die Maßnahme, die man umgesetzt hat, unter #iDIDit bzw. #DUTgemacht zu posten, um ein Bewusstsein für Alternativen jenseits der amerikanischen Big Tech Alphabet (Google), Amazon, Apple, Meta (Facebook) und Microsoft zu schaffen.

Für den ersten Sonntag im August bin ich spät dran, dennoch noch ein „I DID it“ für diesen Monat.

Auf dem älteren Desktop-PC läuft behäbig Windows 10. Das wird von Microsoft ab September nicht mehr mit Updates versorgt, aber ein Upgrade auf Windows 11 ist aufgrund der Hardware nicht möglich. Ein neues Gerät kaufen, obwohl das alte eigentlich noch funktioniert? Und dann mit der Aussicht auf ein Microsoft-Betriebssystem, obwohl das Verhältnis der Firma zum Datenschutz immer fragwürdiger wird?

Ich habe mich daher dazu entschieden, einen Schritt in die Linux-Welt zu wagen. ISO-Datei von Ubuntu heruntergeladen und mit balenaEtcher auf einem USB-Stick bootfähig gespeichert. Die Installation ist völlig unproblemtatisch, jedoch sagte mir das Ergebnis nicht zu. Das Gute an Linux ist, dass es verschiedene Distributionen gibt. Besser gefällt mir Linux Mint mit Cinnamon-Oberfläche. Auch hier ist die Installation relativ einfach. Jetzt heißt es, sich einzufinden.

Panorama

Auszählhilfe zur Bundestagswahl

Samstag, 8. Februar 2025

Seitdem ich wählen darf, bin ich auch als Wahlhelfer im Einsatz, egal ob Europawahlen, Bundestagswahlen, Wahlen zum Abgeordnetenhaus von Berlin und zu den Bezirksverordnetenversammlungen oder Volksentscheide. Seit vielen Jahren übernehme ich im Team das Amt das Schriftführers, da ich Formulare und Zahlen ganz gern mag.

Als Schriftführer:in verarbeitet man innerhalb kurzer Zeit viele Daten. Um einen Überblick über die Ergebnisse zu behalten und zu schauen, ob die Zahlen insgesamt stimmig sind oder ob die Stapel ganz oder teilweise neu ausgezählt werden müssen, erstelle ich mir jedes Mal eine LibreOffice-Calc-Datei.

Für diese Bundestagswahl habe ich diese Auszählhilfe nun besser gestaltet: Sie orientiert sich an der Wahlniederschrift und umfasst die Daten aller Wahlkreise. Dazu gehören die Reihenfolge der Parteien je Bundesland (dort PDF-Datei) und die Namen der Direktkandidat:innen (dort CSV-Datei). Damit ist die Datei für alle Schriftführer:innen in jedem Wahllokal nutzbar.

Bevor du die Datei „auszaehlhilfe-btw25.ods“ nutzt, ist es wichtig, dass du die Daten überprüfst. Ich freue mich über Hinweise zu Fehlern. Ich möchte auch ganz ausdrücklich darauf hinweisen, dass die Nutzung auf eigene Gewähr erfolgt.

Und noch ein Hinweis: Immer nur in die gelb markierten Zellen schreiben.

Das Dokument besteht aus mehreren Tabellen, die über die Reiter aufgerufen werden können:

  1. „Info“ enthält ganz kurz allgemeine Infos.
  2. In „Stimmabgabevermerke“ werden später seitenweise die aus dem Wähleverzeichnis ausgezählten Stimmabgabevermerke (nicht aber der Vermerk „W“ für Wahlschein!) erfasst und automatisch addiert. In der Regel dauert das sortieren der Stimmzettel so lange, dass man in einem zweiten Durchgang alle Eingaben überprüfen kann.
  3. In „Ergebnis“ werden die Ergebnisse erfasst. Wichtig ist es, zuerst ganz oben den Wahlkreis einzugeben, damit unten die Parteien und Direktkandidat:innen automatisch erscheinen.
  4. Die Tabellen „Wahlkreise“, „Parteien“ und „Direktkandidat-innen“ sind Behelfstabellen, damit in der vorherigen Tabelle die Namen der Parteien und Direktkandidat:innen erscheinen.

Französisch & Gewusst wie

IPA-Lautschrift eingeben

Mittwoch, 25. Dezember 2024

Wie kann man die Zeichen des Internationalen Phonetischen Alphabets (IPA) für Englisch und Französisch eingeben?

Früher™ konnte ich die fürs Französische wichtigen IPA-Zeichen einfach mithilfe eines eigenen Tastaturlayouts tippen. Heruntergeladen, installiert, los ging’s auch schon. Mit Windows 11 und dem ARM-Prozessor verweigert das Tool hingegen seinen Dienst, daher musste eine neue Lösung her.

Tastaturbelegung E1

Seit dem Update 24H2 bietet Windows 11 die Tastaturbelegung E1 („Erweiterte Tastaturbelegung 1“) an. Sie heißt dort „Deutsch erweitert (E1)“. Aktiviert werden kann sie über Einstellungen (Windows-Logo-Taste + I) > Zeit und Sprache > Eingabe > Sprache und Region > Deutsch (Deutschland) > Sprachoptionen (über die drei Punkte erreichbar) und dort dann unten Tastaturen.

Für Linux und MacOS ist das Tastaturlayout ebenfalls verfügbar.

Wahltaste

Die wichtigste Tastenkombination zur Eingabe der IPA-Zeichen ist AltGr + R. Danach muss man zwei weitere Tasten eingeben, einen Buchstaben und eine Zahl von der Zahlenreihe. Für das [ə] in je beispielsweise tippt man also zuerst AltGr + R, lässt los, dann E, lässt los, und dann noch 3. Es erscheint das Zeichen „ə“.

Für die Nasal-Tilde (◌̃) gibt man auch AltGr + R ein, dann aber erst die Zahl 1 und dann den Buchstaben R. Das im Englischen übliche Zeichen für lange Vokale ([ː]) wird in der gleichen Reihenfolge eingetippt: AltGr + R3W.

In den folgenden Übersichten – erst französische und dann englische IPA-Zeichen – sind Tasten, die man gleichzeitig drückt, durch ein Pluszeichen (+) gekennzeichnet. Das Minuszeichen (–) zeigt an, dass man erst loslässt und dann die nächste Taste drückt.

Tastenkombinationen für französische IPA-Zeichen

IPA-ZeichenTastenkombination
ɑAltGr + RA5
ɑ̃AltGr + RA5AltGr + R1R
ɛAltGr + RE5
ɛ̃AltGr + RE5AltGr + R1R
əAltGr + RE3
auch: AltGr + FE
ɡAltGr + RG6
ɥAltGr + RH3
ŋAltGr + RN6
auch: AltGr + FE
ɲAltGr + RN9
ɔAltGr + RÖ6
ɔ̃AltGr + RÖ6AltGr + R1R
øAltGr + RÖ8
auch: AltGr + FO
œAltGr + RÖ9
auch: AltGr + FÖ
ʀAltGr + RR2
ʃAltGr + RS6
ʒAltGr + RZ5

Tastenkombinationen für englische IPA-Zeichen

IPA-ZeichenTastenkombination
ːAltGr + RI9
auch: AltGr + R3W
auch: AltGr + R.
auch: AltGr + R:
ˈAltGr + RÜ9
auch: AltGr + R3V
auch: AltGr + R+
ˌAltGr + RI8
auch: AltGr + R4T
auch: AltGr + R-
ɑAltGr + RA5
ɒAltGr + RA6
æAltGr + RA9
əAltGr + RE3
auch: AltGr + FE
ɛAltGr + RE5
ɡAltGr + RG6
ɪAltGr + RI2
ŋAltGr + RN6
auch: AltGr + FE
ɔAltGr + RÖ6
ʃAltGr + RS6
θAltGr + RT5
ðAltGr + RD5
ʊAltGr + RY5
ʌAltGr + RV3
ʒAltGr + RZ5

Tastenkombinationenübersicht

AltGr + R123456789
Aɑ ɒæ
Eəɛ
Dð
G ɡ
Hɥ
Iɪ ː
N ŋɲ
Ö ɔøœ
Rʀ
S ʃ
Tθ
Ü ˌˈ
Yʊ
Vʌ
Zʒ

Geografie & Panorama

Geolinks

Mittwoch, 25. Dezember 2024

Wie kann man interessante Links zu geografischen Themen sammeln und zugänglich machen?

Immer mal wieder hatte ich den Schüler:innen meiner verschiedenen Leistungskurse interessante Zeitungsartikel und andere georelevante Links in einer Art wöchentlichem Newsletter zukommen lassen. Er war ein Buffet geografischer Häppchen, die die Unterrichtsinhalte vertiefen und auch völlig neue Themen und Aspekte erschließen. Da diesen Blogartikel hier kaum jemand lesen wird, kann ich verraten, dass der Newsletter „Geomont“ hieß, also eine Kontamination aus „Geografie“ und „Gemont“, dem Spitznamen meiner Schule. Selbstredend wurde das Geo-O durch eine Weltkugel ersetzt, also „Ge🌐mont“.

Warum ein Newsletter unpraktisch ist…

Die Nutzung war zu meiner Ernüchterung recht überschaubar, wie Schüler:innen eben ihre schulischen E-Mails regelmäßig und gründlich lesen. Wobei, darin unterscheiden sie sich kaum von anderen Mitgliedern der Schulgemeinschaft.

Neben der geringen Resonanz störten mich an dem Newsletterformat insbesondere zwei Aspekte. Erstens findet man die Links später kaum wieder. Wann und in welchem Medium erschien nochmal der interessante Artikel über Stadtentwicklung in Uruguay? Schwierig. Zweitens ist das Newsletterformat relativ geschlossen. Wenn man sich schon die Arbeit macht, sollten dann nicht mehr Menschen davon profitieren können?

Bookmarking-Tools 📌

Ich fing daher an, meinen in Dornröschenschlaf gefallenen Pinboard-Account zu reaktivieren und dort die Links einzupflegen und zu verschlagworten. Geolinks würden sich einfach finden lassen, wenn man dann den Tag Geografie aufruft. Das lief so lange gut, bis ich bemerkt habe, dass Außenstehende plötzlich gar nicht mehr die Möglichkeit hatten, gezielt auf Tags zuzugreifen, wenn sie nicht selbst einen Account bei Pinboard haben.

Wie nun weiter? Vor einiger Zeit bin ich auf LinkAce gestoßen, ein Bookmarking-Tool, dass man selbst hosten kann. Mir fehlen fürs Selbsthosten dieses Programms die erforderlichen Kenntnisse, erfreulicherweise wurde mir jedoch ein Hosting-Angebot unterbreitet, sodass ich mit mb-links.de fortan meine eigene Linksammlung habe.

An LinkAce gefällt mir, dass es Open Source ist und dass ich alles problemlos exportieren kann. Das ist ein so wichtiges Feature!

Peu à peu habe ich in den letzten Wochen alle Pinboard-Links der letzten beiden Jahre zu meiner LinkAce-Installation migriert. Die hätten sich auch importieren lassen, aber ich wollte in dem Zusammenhang überprüfen, was ggf. nicht mit übertragen werden soll und wollte nun auch konsequenter Schlagwörter vergeben.

Ernüchternd bei der Aktion war, dass erschaunlich viele Artikel der Tagesschau oder von RBB24 zwischenzeitlich depubliziert worden sind. Der Vorteil von LinkAce: Es pingt beim Abspeichern das Internet Archive an, sodass dort die Seite aktuell gespeichert wird und zumindest der Inhalt nicht mehr spurlos verschwindet.

Links zugänglich machen

Wie nun alles zugänglich machen? Zugegeben, das ist noch ein großes Fragezeichen.

Die Links sind über mb-links.de abrufbar. Dort gibt es für jedes Schlagworts einen RSS-Feed, sodass man mit einem Feedreader nichts verpasst (vorausgesetzt, ich vergesse nicht, die passenden Schlagwörter zu setzen). Mithilfe des Geografie-RSS-Feeds befüllt der Dienst Mastofeed darüber hinaus automatisch den Account @schulgeografie@bildung.social.

Eine Website, ein RSS-Feed und ein Mastodon-Account – drei Ausspielungswege. Aber auch drei Wege, die an der Schüler:innenschaft vorbeigehen.

Panorama

Stundentafel „entschlacken“!?

Sonntag, 18. Februar 2024

Glück, Fit for life, Digitalkunde … an Ideen für und Forderungen nach neuen Schulfächern mangelt es beileibe nicht. Doch sollte man angesichts fehlender Lehrkräfte nicht eher den entgegengesetzten Weg gehen und die Stundentafel kürzen?

Im Januar 2023 hat die Ständige Wissenschaftliche Kommission (kurz: SWK) der Kultusministerkonferenz (kurz: KMK) „Empfehlungen zum Umgang mit dem akuten Lehrkräftemangel“ (PDF) veröffentlicht. In Reaktion darauf gründete sich ein „Bildungsrat von unten“. Eben jener Zusammenschluss von Lehrkräften und Bildungsaktivist:innen hat nun zu den SWK-Empfehlungen eine Stellungnahme (PDF) veröffentlicht und darin neun eigene Empfehlungen formuliert. Diese liegen zusammengefasst als Manifest (PDF) vor.

Die Auseinandersetzung mit Manifest und Stellungnahme ist die zweite Blogparade. Bisher sind vornehmlich Blogartikel zur Arbeitszeiterfassung (Forderung 7) erschienen. Hier geht es um eine andere Forderung.

Forderung des „Bildungsrates von unten“

Da Lehrer:innen trotz aller Bemühungen nicht auf Bäumen wachsen, identifiziert der Bildungsrat als eigentliche Stellschraube die Stundentafel. Diese soll, so Empfehlung Nummer 6, auf den Prüfstand gestellt und entschlackt werden:

Das wirksamste und schnellste Mittel gegen den Lehrkräftemangel sind die temporäre Kürzung der Stundentafel und die Straffung von Unterrichtsinhalten. Zur Straffung bieten sich vor allem in den Lernbereichen Gesellschafts- und Naturwissenschaften auch die Bildung von Fächerverbünde an. […]
(Stellungnahme S. 27, Manifest S. 2)

Zugespitzt formuliert: Weniger Stunden, weniger Inhalt.

Die SWK (S. 9) selbst sagt zur Reduktion der Stundentafel:

Wo immer Stundentafeln ausgedünnt werden, sollte dies nicht auf Kosten der Kernfächer Deutsch und Mathematik und an den Übergängen geschehen, auch nicht auf Kosten der ohnehin schon benachteiligten Kinder und Jugendlichen und Schulen in schwierigen Lagen.

Der „Bildungsrat von unten“ merkt in seiner Stellungnahme (S. 26) an, dass insbesondere in Schulen in schwierigen Lagen der Unterricht aufgrund des Lehrkräftemangels faktisch schon gekürzt wird. Er fordert „angesichts des bestehenden Notstands in einer konzertierten Aktion – und auf einige Jahre beschränkt – den Umfang der Stundentafel […] flächendeckend […] [zu] kürzen“ (ebd.). Die KMK solle „länderübergreifend eine Verständigung“ „[ü]ber die Form und die Fächerschwerpunkte“ (ebd.) finden.

Beispielhaft schlägt der Bildungsrat eine Reduzierung um 3 Wochenstunden vor, bei 30 Stunden wäre dies eine Entlastung um 10 %. Ein kurzer Blick auf die Situation in Berlin: Hier haben Schüler:innen an Integrierten Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen in der 7./8. Klasse 31 pro Woche zuzüglich sogenannter Schülerarbeitsstunden, in 9/10 sind es 32 Wochenstunden (Sek-I-VO Anlage 1). Am Gymnasium haben die Schüler:innen 33 (7/8) respektive 34 Stunden (9/10) laut Stundentafel (Anlage 2). Die prozentuale Entlastung bei drei Wochenstunden wäre in Berlin somit geringfügig geringer, der Spareffekt aber spürbar.

Berliner Stundentafel am Gymnasium

Ein Blick auf die Stundentafel der Sekundarstufe I am Gymnasium zeigt, dass man 3 Stunden gar nicht an sooo vielen Stellen einsparen kann.

„temporär“

Wo nun kürzen? Bevor ich darauf eingehe, ein kurzer Exkurs zum temporären Charakter einer solchen Kürzung. Denn seien wir realistisch – eine temporäre Kürzung bzw. Straffung wird nicht temporär bleiben, sondern verstetigt werden. Reformen dienen allzu oft dazu, Geld zu sparen, auch wenn man andere Gründe vorschiebt. Wenn dann erst mit Aufwand ein neuer Rahmenlehrplan erarbeitet wurde und die Schulen diesen dann in Curricula umgesetzt haben, wird es kein Zurück mehr geben. Die Kürzung wird angesichts des Lehrkräftemangels auch mindestens zehn Jahre notwendig sein, sodass die Stundentafel dann als normal betrachtet werden wird. Zu groß werden des Weiteren auch die Begehrlichkeiten sein, die wertvollen Stunden neu zu verteilen. Wenn schon wieder mehr Stunden, dann für Berufsorientierung am Gymnasium. Oder das Pflichtfach Informatik. Welches Fach auch immer Stunden jetzt temporär verliert, wird sie dauerhaft verlieren.

Profilstunden

Die einfachste Einsparoption sind wahrscheinlich die Profilstunden. Wenn man sie streicht, würde man keinem Fach wehtun. Allerdings kürzte man dann auch die Angebote, die Schüler:innen selbst wählen können. In jenen Stunden können Schulen neben dem regulären Unterricht ihr(e) Profil(ierung) stärker betonen, was den Charakter der Schulen ohne Zweifel veränderte.

Auch entlastete die Kürzung Schulen nicht, denen Physik- oder Kunstlehrkräfte fehlen und die das reguläre Unterrichtsangebot personell nicht leisten können.

Natur- oder Gesellschaftswissenschaften?

Bei den Naturwissenschaften (Nawi) wird nicht gekürzt werden. Das lässt sich im Ingenieur:innen-Land Deutschland politisch nicht durchsetzen, wenn auch der Mangel an Lehrkräften in diesem Bereich groß ist. Eine Zusammenlegung zu einem Lernbereich ist aus meiner Sicht auch deshalb schwierig, da zumindest an meiner Schule nicht viele Lehrkräfte zwei Nawi-Fächer haben. Ja, eine Biologielehrkraft kann sich bespielsweise chemische und physikalische Basics aneignen, aber es werden eben nur Basics bleiben. Die von den Universitäten bemängelte Situation, dass Studienanfänger:innen immer weniger mitbringen, wird sich dadurch nicht verbessern.

Dies gilt auch für die Gesellschaftswissenschaften (Gewi). Schüler:innen haben in der Grundschule Gewi und man merkt dann in Klasse 7 im Unterricht viel zu häufig, dass die Lehrkraft hat eigentlich verpflichtende Geografieinhalte wegfallen lassen.

Eine Zusammenlegung von Fächern zu einem Lernbereich erfordert meines Erachtens insbesondere zu Beginn einen enormen Aufwand für die Fachbereiche und die unterrichtenden Lehrkräfte. Ob sich so die Arbeitsbelastung reduzieren lässt, ich bezweifle es.

Deutsch und Mathematik

Die SWK hat gleich klargestellt, dass man Deutsch und Mathematik nicht kürzen dürfe. Doch wieso eigentlich nicht? Sollte nicht in jedem Fach auch jede Stunde eine Deutschstunde sein? Zugegeben, dieser Satz reduziert den Deutschunterricht auf Rechtschreibung und Schreiben üben. Aber könnte man nicht wenigstens einen Teil dieser kontinuierlichen Spracharbeit tatsächlich in allen Fächern verankern, damit der Deutschunterricht stärker ein Fachunterricht ist, dann nur noch drei- statt vierstündig?

Für Mathematik fällt es mir schwerer, hier Einsparpotenzial zu sehen.

zweite Fremdsprache

In jüngster Zeit wird häufiger in Frage gestellt, ob Schüler:innen wirklich noch eine zweite Fremdsprache lernen müssen. Ich finde: unbedingt!

Sport

Oben schrieb ich bereits, dass immer wieder Klagen laut werden, dass sich (nicht nur) junge Menschen zu wenig bewegten und es daher eher unwahrscheinlich ist, hier Stunden einzusparen.

Eine mögliche Idee, mit der man vielleicht eine Kürzung auf zwei statt drei Wochenstunden rechtfertigen könnte: Gutscheine für Sportvereine der eigenen Wahl (Judo, Turnen, Schwimmen, Basketball …). Mutmaßlich verschiebt man hier aber nur das Personalproblem von der Schule in den Sportverein?

Woher nun nehmen?

Ich bin sehr froh, nicht in der Position zu sein, entscheiden zu müssen, welches Fach nun reduzieren oder gar in einem Lernbereich aufgehen muss. Egal, wo man was streicht, es hat immer (einige) Vor- und (noch mehr) Nachteile. Es wird auch nicht nur temporär, sondern dauerhaft sein.

Am Ende wird es jene Fächer mit der geringsten Lobby treffen oder jene mit dem geringsten gesellschaftlichen Prestige. Dazu gehören beispielsweise meine beiden Unterrichtsfächer. Geografie läuft trotz der Klimakrise und globaler Probleme immer unter „ferner liefen“. Und Französisch hat wie alle zweiten Fremdsprachen ein zunehmendes Akzeptanzproblem.

Ferner zu bedenken: Durch die Reduktion der Stundentafel werden sehr viele Schulen personell einen Überhang haben und es werden Kolleg:innen die Schule verlassen müssen. Drei Stunden pro Klasse entspricht bei 26 Stunden Arbeitszeit pro Woche bei uns an der Schule über den Daumen gepeilt zwei in Vollzeit arbeitenden Lehrkräften oder drei bis vier Teilzeitlehrkräften. Regeln dafür, wie das vermeintliche Zuviel an Personal abgebaut werden muss, gibt es. Doch das wird für massiven Unmut sorgen.

Panorama

Mein (schulisches) Motto für 2024

Dienstag, 16. Januar 2024

Einmal kräftig pusten, den Staub entfernen, der sich über das Blog gelegt hat. Los geht’s mit der #EduBlogparade.

Blogs waren früher das Ding für austauschaffine Lehrer:innen. Dann kam Twitter, in der Blogosphäre kehrte deutlich Ruhe ein. Kurz, schnell, lebendig, augenzwinkernd war es beim Microbloggingdienst mit Larry, dem blauen Vogel. Der ist nun wortwörtlich ausgeixt, das Twitterlehrerzimmer zersplitterte nach Mastodon, Bluesky und sonstwohin. Höchste Zeit, die privaten Blogs wieder aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. Jan-Martin Klinge und Herr Mess haben dafür gemeinsam mit anderen Bloger:innen eine Blogparade gestartet. Ihr erstes Thema: Mein (schulisches) Motto für 2024.

Ein einziger Wahlspruch? Fürs ganze Jahr? Schulisch oder privat oder beides? Zugegeben, ich hab mich etwas schwer getan, doch dann habe ich das folgende Graffiti gesehen:

Graffiti mit dem englischsprachigen Spruch „May the world survive“

„May the world survive“ – „Möge die Welt überleben“. Eine gelungene Melange aus Melancholie, Optimismus und metaphorischer wie tatsächlicher Schwarzmalerei.