Monsieur Becker

Geografie

Frauenwunderland Ruanda

Freitag, 18. Mai 2018

Gleichstellung der Geschlechter ist das fünfte der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung. In nur wenigen Ländern ist man hierbei allerdings so weit wie im ostafrikanischen Binnenstaat Ruanda.

Hört man den Namen des Landes, das sich in seinen Amtssprachen Rwanda schreibt, schwingen unweigerlich Erinnerungen an den Völkermord im Jahre 1994 mit. In nur 100 Tagen starben mindestens 500 000, wahrscheinlich eher 1 000 000 Menschen, vor allem Angehörige der Tutsi-Minderheit und moderate Hutu. Diese beiden »Ethnien« waren einst reine Berufsbeschreibungen – Tutsi waren Viehzüchter, Hutu Ackerbauern. Erst im Rahmen der Kolonialisierung wurde durch die Ausstellung von Ausweispapieren aus dem sozialen Status eine »Rasse« – durch Privilegierung der Tutsi wurde dem tödlichen Rassismus dann der Weg geebnet.

Vor allem Frauen überlebten den Völkermord, wobei »überleben« die Situation beschönigt. Vielfach wurden sie vergewaltigt, waren verwitwet oder die einzige Überlebene ihrer Familie. Plötzlich waren Frauen, die bisher kaum Rechte genossen, das Familienoberhaupt und mussten allein die Kinder ernähren. Im Nachhinein betrachtet stellt dies für das Land eine große Chance dar, wie Barbara Achermann in »Frauenwunderland« aufzeigt.

Dieses Buch erzählt die Erfolgsgeschichte eines afrikanischen Landes, in dem 1994 ein Bürgerkrieg zwischen Hutu und Ttsi tobte – eine Erfolgsgeschichte, die Ruandas Frauen schrieben. Es ist nicht lange her, da durften sie weder ein Bankkonto eröffnen noch in der Öffentlichkeit sprechen. Heute sitzen in Ruanda mehr Frauen im Parlament als in jedem anderen Land auf der Welt, und über die Hälfte der Unternehmen sind Frauenhand. Ohne sie wäre das rasante Wirtschaftswachstum Ruandas nicht möglich gewesen.

Die Schweizer Autorin begleitet Frauen, die hinter dieser Express-Emanzipation stehen. Dazu gehören unter anderem:

Dies sind nur fünf der beeindruckenden Ruanderinnen und Ruander, die Achermann zu Wort kommen lässt.

Die Autorin wirft mit ihrem Buch einen anderen Blick auf den afrikanischen Kontinent, der eine immer größere Bedeutung gewinnt und doch nur als Kontinent der Probleme wahrgenommen wird. Ruanda ist einerseits klar von den schrecklichen Ereignissen vor einem Vierteljahrhundert geprägt. Andererseits ist es ein Land mit einer beachtlichen Dynamik, in dem Plastiktüten streng verboten sind, Gleichheit von Mann und Frau fast selbstverständlich ist, die Bekämpfung der Armut entschieden vorangetrieben wird und das in Sachen Zugang zum Internet das ein odere andere Industrieland alt aussehen lässt.

Gleichzeitig zeigt Achermann aber auch den Preis auf: Seit 18 Jahren herrscht Paul Kagame. Der Politiker setzt sich für Frauen ein, arbeitet viel, schlafe sehr wenig, und packt bei Umugunda, der allmonatlichen gemeinschaftlichen und gemeinnützigen Arbeit, mit an. Für die Entwicklung des Landes wird ihm viel Bewunderung entgegengebracht, Kritiker und Gegenkandidaten leben jedoch gefährlich. Es ist nicht unüblich, dass sie oder Angehörige spurlos verschwinden oder aus fadenscheinigen Gründen inhaftiert werden.

Ein besonderes Kapitel ist das fünfte: Jane vergibt Jane. Zuerst berichtet es vom Überleben Alphonsos. »Ich denke, es ist nicht einfach für dich zu verstehen, was ich erlebt habe.«, sagt er zur Autorin. Und tatsächlich bleibt man nach der Schilderung der entsetzlichen Ereignisse fassunɡslos zurück. Sodann berichtet Achermann von zwei Frauen, die beide Jane heißen und als junge Mädchen unzertrennlich waren. Jedoch war eine Hutu, die andere Tutsi, der Genozid entzweite die Familie und die Freundinnen. Wie schwierig später das Vergessen und Vergeben ist, wie viel Hoffnung es jedoch für die Zukunft von einzelnen Menschen, Familien und das ganze Land insgesamt bedeutet, zeigt sich an diesen beiden Frauen.

Achermann, Barbara (2018): Frauenwunderland – die Erfolgsgeschichte von Ruanda. Reclam: Stuttgart. ISBN: 978-3-15-011128-4. Preis: 18,95 €.

Teilen: Telegram Twitter