Monsieur Becker

Panorama

Abitur in Zeiten von Corona

Samstag, 4. April 2020

Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie hat noch einmal den Beschluss der Kultusministerkonferenz unterstrichen, dass die Abiturprüfungen sowie andere Abschlussprüfungen nach Ostern durchgeführt werden. Ich halte diesen Entschluss für nicht richtig.

Am 24. März 2020 wagte die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien (CDU) einen Vorstoß, in diesem Schuljahr aufgrund der Corona-Pandemie auf die Abiturprüfungen zu verzichten (siehe NDR). Die Abiturnote sollte sich, so der Vorschlag, aus den Noten der vier Semester errechnen. Es hat dann nur einen Tag gedauert, bis die Kultusministerkonferenz den Beschluss gefasst hat, dass die Prüfung doch stattfinden werden. In ihrer Pressemitteilung vom 4. April 2020 hat nun auch die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport den KMK-Beschluss nochmal bekräftigt.

In der Diskussion um Frau Priens Vorstoß und den KMK-Beschluss wurde unter anderem als Argument angeführt, dass andere Abiturjahrgänge auch Prüfungen ablegen mussten und es ungerecht sei, wenn der jetzige Abiturjahrgang ausgenommen wäre. Ein Abitur ohne Prüfungen wurde direkt als »Notabitur« sprachlich herabgewürdigt, so als ob dieser Schulabschluss weniger wert wäre.

Es ist richtig, dass andere Abiturjahrgänge Prüfungen ablegen mussten. Dennoch ist ein Abitur ohne Prüfungen unter den gegebenen Umständen nicht mit einem Makel behaftet oder gar ungerecht anderen Schüler*innengenerationen vorher oder nachher gegenüber. Diese anderen Jahrgänge mussten ihre Allgemeine Hochschulreife nämlich nicht in einer Zeit globaler Pandemie erlangen.

Ich empfinde, dass die angehenden Abiturient*innen in diesem Jahr in der Vorbereitung auf das Abitur den anderen Schülergenerationen gegenüber benachteiligt sind. Zwar haben sie in Berlin das 4. Semester so gut wie abschließen können, sie sind jedoch in ihren weiteren Vorbereitungen eingeschränkt. Sie können sich nicht in Lerngruppen treffen, um sich bestmöglich gemeinsam vorzubereiten. Zwar gibt es mediale Wege, die jedoch einen persönlichen Austausch nicht vollständig ersetzen können.

Viele Prüflinge sind nicht den ganzen Tag allein zuhause, sondern haben Geschwister, müssen diese ggf. betreuen. Ein Ausweichen auf andere Orte, um zu lernen, ist unmöglich: Bibliotheken und alle anderen Orte, wo viele Menschen zusammenkommen, sind geschlossen. Die Eltern der Schüler*innen sind teilweise im Home Office, sind in Kurzarbeit oder haben ihre Tätigkeit verloren. Andere Eltern arbeiten in Arztpraxen, Krankenhäusern, Supermärkten etc. und sind dort hohen Arbeitsbelastungen sowie potenziell auch einer Infektion mit SARS-CoV-2 mit ungewissem Krankheitsverlauf ausgesetzt.

Aus all den genannten Faktoren ergibt sich eine persönliche psychische Belastung, das Verhältnis innerhalb der Familie kann unter der vorliegende Ausnahmesituation leiden, auch mögliche finanzielle Probleme belasten. Von den Sorgen um gesundheitlich angeschlagene oder gar an COVID-19 erkrankte Angehörige mal ganz abgesehen.

Vereinzelt gab es das auch vorher, dass angehende Abiturient*innen in ihrer Vorbereitungsphase plötzlich aufgrund von Erkrankungen und Arbeitsplatzverlusten im persönlichen Umfeld belastet wurden, aber nun sind deutlich mehr Schüler*innen betroffen. Laut RBB gibt es in Berlin »(Stand 03.04.2020, 16:15 Uhr) 3.486 bestätigte Coronavirus-Infektionen. […] Im Krankenhaus behandelt werden 473 Personen, 124 davon intensivmedizinisch. Alle anderen Personen sind häuslich isoliert. Bislang sind 22 Menschen in Berlin, die mit Covid-19 infiziert waren, gestorben.« (Quelle) Bis zum Beginn der Abiturprüfungen am 20. April 2020 werden diese Zahlen weiter deutlich ansteigen, auch wenn die bisher ergriffenen Maßnahmen auf einen Rückgang der Neuinfektionen deuten.

Mitunter liest man, dass ein gutes Abitur in diesen Zeit ein Ausdruck hoher Stressresistenz sei. Ich empfinde dies jedoch als zynische Reduzierung der Schüler*innen auf Wirtschaftssubjekte, die zu funktionieren haben.

Die genannten Argumente bedenkend kann man meines Erachtens nur zu dem Schluss kommen, dass die Umstände, unter denen Schüler*innen ihr Abitur ablegen müssen, eindeutig gegen eine Durchführung der Prüfungen sprechen.