So brisant finde ich meine Aussage gar nicht, da ich grundsätzlich ganz Deiner Meinung bin. Auch mir geht es um frühkindliche intensive Förderung von benachteiligten Kindern. Das umfasst die Sprachförderung ebenso wie z.B. die Behandlung von Verhaltensauffälligkeiten oder die Schaffung eines kindgerechten Zugangs zur Bildung. Ich bin außerdem der Meinung, dass diese Möglichkeiten auch jedem Kind bereits heute offen stehen und sie nur genutzt werden müssen – von den Eltern!
An dieser Stelle hört die Verantwortung der Gesellschaft auf, falls sie sich nicht dazu entscheidet, Zwangsmaßnahmen und Sanktionen zu nutzen, um Kinder in die Frühförderung aufnehmen zu können. Aber was würde wohl passieren, wenn gesetzlich geregelt wäre, dass Eltern ihr Kind mit 2 oder 3 Jahren in die Obhut des Staates geben müssen?
Was ich mit der oben zitierten Passage sagen möchte: Es ist zu spät, wenn erst mit 6 Jahren geguckt wird, wie ein Kind gefördert werden kann und man meint, das könne Schule leisten. Sie – die Schule – kann und soll das versuchen und ich lege großen Wert darauf, dass ich das in meinem Artikel auch gesagt habe:
„Darauf zu warten, dass Geld ‚von oben‘ kommt oder durch bildungspolitische Maßnahmen die Ungerechtigkeit verschwindet ist illusorisch. Wer z.B. die Undurchlässigkeit des gegliederten Schulwesens beklagt, der kann durch den Unterricht, durch Schüler- und Elterngespräche darauf hinwirken, dass z.B. ein guter Hauptschüler auf eine Realschule wechselt bis hin zum Gymnasium. Ich muss auch nicht Lehrer an einer Gesamtschule sein, um binnendifferenzierend unterrichten zu können. Ich habe auch an einem Gymnasium die Möglichkeit, für individuelle Fördermöglichkeiten zu sorgen, indem ich mit Kollegen zusammenarbeite und z.B. Klassenverbandsübergreifende Konzepte entwickle.“
Ich wehre mich lediglich dagegen, die Schule als Abladeplatz für alle bereits erfolgten Versäumnisse hinzustellen, die – wenn sie nur besser konzipiert wäre – jeden Schüler zu nahezu jedem Schulabschluss führen könnte. Das ist – und da sind wir wieder bei einem ganz anderen Thema – Gleichmacherei und eine utopische Vorstellung von dem, was Schule überhaupt leisten kann.
Zusammenfassend: Schule kann und muss meiner Ansicht nach versuchen, die Versäumnisse des Elternhauses aufzufangen und abzumildern. Wer „Ungerechtigkeit“ schreit, der soll zunächst offen legen, wo ein unvermeidbares Unrecht begangen wurde. Es ist fast schon trivial, an dieser Stelle auf kostenlose Sprachförderung, freie Kindergartenplätze für Hartz-IV-Empfänger und die Existenz von frei zugänglichen Bibliotheken (inkl. Internetarbeitsplätzen) hinzuweisen… Wer als Arbeiter, Hartz-IV-Empfänger oder Migrant die eigenen Kinder fördern und für die bestmögliche Bildung sorgen möchte, der findet dafür die volle Unterstützung in unserer Gesellschaft. Da wir allerdings in einer freien Gesellschaft leben, werden die Eltern auch nicht zum Glück ihres Kindes gezwungen.
Abschließend noch eine Anmerkung zu der folgenden Passage:
„Und ganz klar müssen wir auch Ungerechtigkeiten in der Schule abbauen. Bei einer PISA-Erhebung wurden Lehrer und Eltern der teilnehmenden Primarschüler befragt, welchen Schulempfehlung sie dem Kind aussprechen. Das Ergebnis: Um beispielsweise eine Gymnasialempfehlung zu erhalten, muss ein »Arbeiterkind« deutlich mehr Leistung bringen, als ein Kind aus dem »bildungsnahen Elternhaus«. Bei gleicher Leistung stellt der Lehrer das »Arbeiterkind« schlechter. Doch nicht nur der Lehrer, sondern auch die eigenen Eltern.“
PISA kann und darf in dieser Hinsicht wieder einmal überhaupt nichts aussagen, da PISA nichts mit Primarschülern zu tun hat und die Studie auch überhaupt nicht angelegt ist, Bildungskarrieren zu untersuchen und damit auch keine derartigen Rückschlüsse erlaubt. Dass das dennoch (auch von PISA-Verantwortlichen) getan und in den Medien kolportiert wird, erinnert dann schnell an die Kevin-Studie und lässt zwei Schlüsse zu:
1. Lehrer sind unprofessionell, wenn sie sich von Vorurteilen leiten lassen.
2. Lehrer sind unprofessionell, wenn sie ein Kind und dessen Eltern nicht adäquat hinsichtlich der Erfolgsaussichten auch auf einer höheren Schule beraten können. Das heißt natürlich nicht, dass sich viele Eltern, die selbst eine Hauptschule besucht haben, Angst davor haben könnten, dass ihr Kind ein Gymnasium besucht und schon in der 5 Klasse vielleicht keine fachliche Hilfe mehr bei den Eltern finden kann. Und hier schon einmal der Vorgriff auf mögliche Einwände: Ein Kind, das regelmäßig Nachhilfe benötigt und das vielleicht sogar in mehr als einem Fach, befindet sich auf der falschen Schule.