Monsieur Becker

Panorama

»Da können wir leider auch nichts mehr machen.«

Sonntag, 6. Februar 2011

Im Rahmen der Diskussion über den Bildungsföderalismus hat Peter Schwarzmüller kommentiert. Der Beitrag, der auch unter blogbildung.net abrufbar ist, enthält einen, wie ich finde, brisanten Passus. Ich möchte ihn hier diskutieren, da es eigentlich ein ganz anderes Thema ist:

2. Ungerechtigkeit: Sie hat Ihre Ursache nicht in der Schule, sondern in der Gesellschaft. Wer schon außerhalb der Schule und ganz besonders in den 6 Lebensjahren vor dem ersten Schulbesuch in der Erziehung benachteiligt ist, wird dann nicht von der Schule ungerecht behandelt, sondern wurde und wird von den eigenen Eltern ungerecht behan­delt.

Na da sind wir ja fein raus. Wenn das Kind zur Einschulung nicht mehr als drei Farben kennt und auch nicht auf einem Bein stehen kann, weil die Eltern es immer vor den Fernseher abgeschoben haben, dann brauchen wir jetzt nur noch zu sagen: »Da können wir leider auch nichts mehr machen.« Stempel rauf, gar nicht erst einschulen, das spart Kosten.

Nein, ganz ehrlich: Für mich ist es ein Verbrechen gegen die Menschenrechte des Kindes, dass wir uns in diesem Land erst ab dem sechsten Lebensjahr für seine Bildung interessieren. Eben weil nicht wenige Kinder zuhause, meist aufgrund finanzieller Schwierigkeiten, teils aber auch aufgrund elterlichen Desinteresses und Unvermögens nicht die Förderung erfahren, die sie verdient haben und die sie auch brauchen, befürworte ich das Recht auf einen kostenfrei Kinder­gartenplatz, von so früh an wie möglich. Auch eine Art Kindergartenpflicht die drei Lebensjahre vor dem Schulbeginn erachte ich für sinnvoll. Auf kindlichem Niveau werden Farben und Wochentage gelernt, es wird musiziert, gemalt, und gemeinsam (Miteinander muss man auch erst lernen) geht man natur­wis­sen­schaftlichen Alltagsphänomenen auf den Grund. Es muss nicht gleich eine Bienenstudie sein, aber wenn aufgrund von Elektrostatik Haare gegen die Schwerkraft zu einem Luftballon streben, ist das spannend und kann den Forschergeist wecken.

Sicherlich, irgendwo ist jeder seines Glückes Schmied. Doch auch ein Schmied hat eine Ausbildung. Und er hat vorher einiges ausprobiert, was ihm mal mehr und mal weniger viel Spaß gemacht hat.

Wenn es Elternhäuser heute nicht zu leisten vermögen, egal aus welchem Grund, ihr Kind »schul­tauglich« zu machen, können wir als Gesellschaft nicht die Hände in den Schoß legen und zugu­cken, wie die Laufbahn eines Kindes den Bach hinab geht, eh sie überhaupt begonnen hat. Wenn in dem Elternhaus kaum Deutsch gesprochen wird, muss die Gesellschaft das Kind bei der sprach­lichen Entwicklung unterstützen. Wir sollten schon deshalb das größte Interesse daran haben, die Kinder zu fördern, weil wir auch in Zukunft Leute brauchen, die arbeiten, forschen und tüfteln. Anders können wir unser Wohlstandsniveau gar nicht halten oder gar steigern.

Potenzialen müssen wir daher schon zeitlich vor, aber auch in der Schule sich entwickeln helfen. Und ganz klar müssen wir auch Ungerechtigkeiten in der Schule abbauen. Bei einer PISA-Erhebung IGLU-Studie wurden Lehrer und Eltern der teilnehmenden Primarschüler befragt, welchen Schul­empfehlung sie dem Kind aussprechen. Das Ergebnis: Um beispielsweise eine Gymnasial­empfeh­lung zu erhalten, muss ein »Arbeiterkind« deutlich mehr Leistung bringen, als ein Kind aus dem »bildungsnahen Eltern­haus«. Bei gleicher Leistung stellt der Lehrer das »Arbeiterkind« schlechter. Doch nicht nur der Lehrer, sondern auch die eigenen Eltern.

Für einen weiteren Grund, warum wir als Gesellschaft und Schule nicht nichts tun dürfen, möchte ich Mori Arinori zitieren: “What is spent on education will be saved a hundredfold in armies, and police, and courts of justice.”

Kommentare gern hier im Blog oder via Twitter (@monsieurbecker).

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5 Reaktionen

  1. Peter Schwarzmüller

    7. Februar 2011 – 09:31 Uhr (#370)

    So brisant finde ich meine Aussage gar nicht, da ich grundsätzlich ganz Deiner Meinung bin. Auch mir geht es um frühkindliche intensive Förderung von benachteiligten Kindern. Das umfasst die Sprachförderung ebenso wie z.B. die Behandlung von Verhaltensauffälligkeiten oder die Schaffung eines kindgerechten Zugangs zur Bildung. Ich bin außerdem der Meinung, dass diese Möglichkeiten auch jedem Kind bereits heute offen stehen und sie nur genutzt werden müssen – von den Eltern!
    An dieser Stelle hört die Verantwortung der Gesellschaft auf, falls sie sich nicht dazu entscheidet, Zwangsmaßnahmen und Sanktionen zu nutzen, um Kinder in die Frühförderung aufnehmen zu können. Aber was würde wohl passieren, wenn gesetzlich geregelt wäre, dass Eltern ihr Kind mit 2 oder 3 Jahren in die Obhut des Staates geben müssen?
    Was ich mit der oben zitierten Passage sagen möchte: Es ist zu spät, wenn erst mit 6 Jahren geguckt wird, wie ein Kind gefördert werden kann und man meint, das könne Schule leisten. Sie – die Schule – kann und soll das versuchen und ich lege großen Wert darauf, dass ich das in meinem Artikel auch gesagt habe:
    „Darauf zu warten, dass Geld ‚von oben‘ kommt oder durch bildungspolitische Maßnahmen die Ungerechtigkeit verschwindet ist illusorisch. Wer z.B. die Undurchlässigkeit des gegliederten Schulwesens beklagt, der kann durch den Unterricht, durch Schüler- und Elterngespräche darauf hinwirken, dass z.B. ein guter Hauptschüler auf eine Realschule wechselt bis hin zum Gymnasium. Ich muss auch nicht Lehrer an einer Gesamtschule sein, um binnendifferenzierend unterrichten zu können. Ich habe auch an einem Gymnasium die Möglichkeit, für individuelle Fördermöglichkeiten zu sorgen, indem ich mit Kollegen zusammenarbeite und z.B. Klassenverbandsübergreifende Konzepte entwickle.“
    Ich wehre mich lediglich dagegen, die Schule als Abladeplatz für alle bereits erfolgten Versäumnisse hinzustellen, die – wenn sie nur besser konzipiert wäre – jeden Schüler zu nahezu jedem Schulabschluss führen könnte. Das ist – und da sind wir wieder bei einem ganz anderen Thema – Gleichmacherei und eine utopische Vorstellung von dem, was Schule überhaupt leisten kann.
    Zusammenfassend: Schule kann und muss meiner Ansicht nach versuchen, die Versäumnisse des Elternhauses aufzufangen und abzumildern. Wer „Ungerechtigkeit“ schreit, der soll zunächst offen legen, wo ein unvermeidbares Unrecht begangen wurde. Es ist fast schon trivial, an dieser Stelle auf kostenlose Sprachförderung, freie Kindergartenplätze für Hartz-IV-Empfänger und die Existenz von frei zugänglichen Bibliotheken (inkl. Internetarbeitsplätzen) hinzuweisen… Wer als Arbeiter, Hartz-IV-Empfänger oder Migrant die eigenen Kinder fördern und für die bestmögliche Bildung sorgen möchte, der findet dafür die volle Unterstützung in unserer Gesellschaft. Da wir allerdings in einer freien Gesellschaft leben, werden die Eltern auch nicht zum Glück ihres Kindes gezwungen.
    Abschließend noch eine Anmerkung zu der folgenden Passage:
    „Und ganz klar müssen wir auch Ungerechtigkeiten in der Schule abbauen. Bei einer PISA-Erhebung wurden Lehrer und Eltern der teilnehmenden Primarschüler befragt, welchen Schulempfehlung sie dem Kind aussprechen. Das Ergebnis: Um beispielsweise eine Gymnasialempfehlung zu erhalten, muss ein »Arbeiterkind« deutlich mehr Leistung bringen, als ein Kind aus dem »bildungsnahen Elternhaus«. Bei gleicher Leistung stellt der Lehrer das »Arbeiterkind« schlechter. Doch nicht nur der Lehrer, sondern auch die eigenen Eltern.“
    PISA kann und darf in dieser Hinsicht wieder einmal überhaupt nichts aussagen, da PISA nichts mit Primarschülern zu tun hat und die Studie auch überhaupt nicht angelegt ist, Bildungskarrieren zu untersuchen und damit auch keine derartigen Rückschlüsse erlaubt. Dass das dennoch (auch von PISA-Verantwortlichen) getan und in den Medien kolportiert wird, erinnert dann schnell an die Kevin-Studie und lässt zwei Schlüsse zu:
    1. Lehrer sind unprofessionell, wenn sie sich von Vorurteilen leiten lassen.
    2. Lehrer sind unprofessionell, wenn sie ein Kind und dessen Eltern nicht adäquat hinsichtlich der Erfolgsaussichten auch auf einer höheren Schule beraten können. Das heißt natürlich nicht, dass sich viele Eltern, die selbst eine Hauptschule besucht haben, Angst davor haben könnten, dass ihr Kind ein Gymnasium besucht und schon in der 5 Klasse vielleicht keine fachliche Hilfe mehr bei den Eltern finden kann. Und hier schon einmal der Vorgriff auf mögliche Einwände: Ein Kind, das regelmäßig Nachhilfe benötigt und das vielleicht sogar in mehr als einem Fach, befindet sich auf der falschen Schule.

  2. Julius Becker

    7. Februar 2011 – 13:51 Uhr (#371)

    Ich muss mich korrigieren: Den von mir geschilderten, die Ungerechtigkeit in der Schule illustrierende Zusammenhang hat man bei der IGLU-Studie (2001 und 2006) festgestellt. In der mir vorliegenden Auswertung heißt es: »Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern erhalten von ihren Lehrern und Eltern erst bei deutlich höheren Leistungswerten eine Gymnasialpräferenz als Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern. Dieser Befund ist 2006 noch deutlicher als 2001 sichtbar.« Einige Zahlen zur Konkretisierung (Wert in Klammern von 2001): Damit sie eine Gymnasialempfehlung von ihren Lehrern erhalten, mussten Schülerinnen und Schüler, deren Eltern der oberen Dienstklasse angehören, 537 (551) Punkte erreichen. Kinder von Selbstständigen benötigten dafür schon 580 (591) Punkte, Kinder von un- und angelernten Arbeitern sowie Landarbeitern hingegen 614 (601) Punkte. Bei den Eltern sind es folgende Zahlen: 498 (530), 556 (557) und 606 (595).

    Sicherlich gibt es bereits vielfältige Angebote, die von den Eltern genutzt werden können, wenn sie wollen. Doch genau da ist das Problem: Viele tun es nicht. Die meisten Erziehungsberechtigten mit »problembehafteten« Kindern erkennen gar nicht (oder wollen es nicht wahrhaben), dass in der Entwicklung ihres Kindes etwas falsch läuft.

    Du sagst, dass hier die Verantwortung der Gesellschaft aufhört. Ich teile diese Meinung nicht. Die Gesellschaft sollte, um auch in Zukunft bestehen zu können, darauf bedacht sein, dass Kinder gesellschaftsfähig werden. Das meine ich jetzt nicht im Sinne von salon- oder hoffähig. Die Kinder sollen als Mitglied der Gesellschaft befähigt werden, sich in ihr zu bewegen und mit anderen zu interagieren. Natürlich sollen sie auch gesellschaftliche Normen hinterfragen und zwischen individuellen und gesellschaftlichen Bedürfnissen eine Balance finden können. Um das zu erreichen, muss man Kinder auch nicht der Obhut ihrer Eltern entziehen. Das ist wirklich nur in Ausnahmefällen wie häuslicher Gewalt notwendig.

    Ich gebe dir Recht: »Es ist zu spät, wenn erst mit 6 Jahren geguckt wird, wie ein Kind gefördert werden kann und man meint, das könne Schule leisten.« Doch ich ziehe einen anderen Schluss: Wenn es offensichtlich Eltern vermehrt nicht schaffen, ihr Kind gesellschafts- und schultauglich zu machen, sodass sich daraus ein gesellschaftlich-schulisches Problem entwickelt, dann muss die Gesellschaft zum Wohle des Kindes, aber irgendwo auch zum Selbsterhalt eingreifen. Die Gesellschaft nimmt den staatlichen Erziehungsauftrag wahr, der nebenbei erwähnt dem Erziehungsauftrag der Eltern nicht untergeordnet ist, sondern beide sind gleichwichtig. Dass wir in einer freien Gesellschaft leben, ist keine Erlaubnis, dass Eltern, aus welchen Gründen auch immer, ob beabsichtigt und aus Unwissenheit, die Zukunft ihrer Kinder verbauen.

    So lange wir uns als Gesellschaft und Staat erst ab dem sechsten Lebensjahr für die lieben Kleinen interessieren, so lange müssen wir auch zusehen, dass wir während der Schulzeit möglichst viele Versäumnisse ausgleichen. Da gehe ich mit dir konform. Das gelingt mit den derzeitigen personellen Ressourcen meines Erachtens nicht. Natürlich werden wir auf diese Weise auch nicht jeden Schüler bis zum Abitur bringen können.

  3. Peter Schwarzmüller

    7. Februar 2011 – 20:15 Uhr (#372)

    Wir kommen uns näher 😉
    Ich sehe eine sehr viel versprechende Lösung für das Ungerechtigkeitsproblem in der Frühförderung.
    Dazu habe ich festgestellt, dass die Bundesrepublik Deutschland bestimmte Maßnahmen nicht zwangsverordnen wird – ob ich persönlich das gut finde oder nicht.

    Denkbar ist in meinen Augen allenfalls eine Art Belohnungssystem für Eltern, die die Möglichkeiten wahrnehmen oder (und das ist schon an der Grenze zur Gewaltandrohung), der Entzug von Sozialleistungen für Eltern, die sich nicht fügen – aber eine finanzielle Strafe könnte dann eher noch dem Kind schaden. Eine ähnliche Diskussion gab es ja auch in Hinblick auf eine vorgeschriebene Vorstellung eines Kleinkindes in regelmäßigen Abständen bei einem Kinderarzt. Ich weiß jetzt gar nicht, was den Eltern blüht, die nicht zur Untersuchung gehen, aber ich glaube nicht, dass dieses Vorgehen auf die Frühförderung übertragbar wäre.

    In einem anderen Beitrag habe ich den Vorschlag gemacht, dass Eltern (gerade auch Migranten, die selbst kein Deutsch sprechen) hinsichtlich aller Schul- und Erziehungsfragen Unterstützung in Form intensiver Beratung bekommen. Das funktioniert ja auch bei Behördengängen. Wenn Eltern aus welchen Gründen auch immer die Verantwortung für den Bildungsweg ihres Kindes nicht übernehmen können oder wollen, dann sollte es Mechanismen geben, die an dieser Stelle Unterstützung bieten. Ich würde dabei aber nicht mit der Keule Jugendamt o.ä. drohen, sondern versuchen im Sinne einer Erziehungspartnerschaft zwischen Eltern und Kindern zu wirken. Von ‚oben herab‘ fühlen sich die meisten sowieso schon behandelt, was eher zu Blockade und Abwehr jeder Hilfe führen könnte. Aber ich bin auch kein Sozialpädagoge und weiß nicht, ob das so funktionieren würde…

  4. Julius Becker

    8. Februar 2011 – 12:08 Uhr (#374)

    Auch wenn wir uns inhaltlich näher kommen, kann ich deine Haltung noch nicht recht greifen. Du bist einerseits gegen eine, sagen wir mal, Kindergartenpflicht (weil Zwang). Andererseits befürwortest du aber, dass kooperative Eltern belohnt werden. Bei anderen hingegen, die die Angebote für ihre Kinder nicht wahrnehmen, sollen Mechanismen greifen, die Unterstützung bieten. Die Maßnahmenpalette könnte hier von einem freundschaftlichen Angebot bis Zwang reichen, wobei du eher von Zwang abrätst, wenn ich dich richtig verstanden habe.

    Das greift meines Erachtens nur, wenn die Eltern zu der Einsicht gelangen, dass sie Hilfe benötigen. Falls sie es nicht tun, bewerte ich allerdings das Wohl des Kind höher als den freien Willen der Eltern.

    Auch begrüße ich die Idee nicht, kooperative Eltern zu belohnen. Denn es ist nun einfach mal ihre Pflicht, sich um ihr Kind zu kümmern.

  5. Peter Schwarzmüller

    8. Februar 2011 – 21:52 Uhr (#375)

    Das waren eher Gedankenspielereien, welche Möglichkeiten überhaupt denkbar wären.

    Meine persönliche Meinung: Es sollte rechtlich geprüft werden, ob im Sinne des Kindeswohls auch die Bildung, bzw. Bildungschancen eines Kindes fallen. Falls das juristisch begründbar ist, würde ich die Schulpflicht nach untern bis zum Alter von 3 Jahren ausdehnen. Für die Zeit des Vorschulalters würde ich dann aber eine Alternative zum Kindergarten schaffen, um Eltern die Möglichkeit zu geben, sich selbst um die Frühförderung ihres Kindes zu kümmern (was sie dann nachzuweisen hätten). Die letzte Einschränkung deshalb, weil es niemals gegen Eltern durchsetzbar wäre, dass sie ihr Kind gegen ihren Willen in einen Kindergarten oder Ähnliches geben.

    Und wichtig ist, dass alle Kinder dieser Pflicht unterlägen, um das nicht zu einer Migrations-/Integrations-/Hartz-IV-Maßnahme werden zu lassen. Denn verantwortungslose Eltern gibt es in allen Schichten der Gesellschaft.

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